FUTURE IS NOW                                professioneller online-journalismus

Photo: Michael F. Koch
Photo: Michael F. Koch

Der Printjournalismus bewegt sich zunehmend Richtung Altenteil. Redete so mancher Insider vor kurzem noch von einer "herannahenden Medienkrise", heißt es heute ganz unverblümt "Zeitungssterben". Einstige Giganten des Printjournalismus balancieren seit Jahren in existenzieller Schieflage. Eines der prominentesten Opfer: die Frankfurter Rundschau. Im Jahr 2000 kratzte deren verkaufte Auflage an der 200.000 Exemplare-Marke. 2013 waren es nur noch knapp über 87.000. Das entspricht einem Rückgang von 55 Prozent ...
Im Jahr davor hatte das Blatt sogar Insolvenz anmelden müssen.

Einem der wichtigsten deutschen Nachrichtenblätter ging die wirtschaftliche Luft aus.
Etwa zur selben Zeit (2012) zog der Aufsichtsrat der "Financial Times Deutschland" die Konsequenz aus dem Verlust von 250 Millionen Euro - musste das Erscheinen einstellen.

Das sind nur zwei Beispiele für ein unheilverkündendes Rauschen im deutschen Blätterwald.
Einstige Marktführer des Printjournalsimus trifft der ökonomische Knockout, selbst etablierte Tageszeitungen verschwinden komplett von der Bildfläche oder werden zumindest auf ein journalistisches Skelett abgespeckt. Magazinen geht es nicht besser.
Der "Feind" online-Journalismus dagegen ist auf einem triumphalen Siegeszug - kein Wunder: kann er doch zugkräftige Trümpfe ausspielen. In Sachen Verbreitung hat er klar die Nase vorn, und was die Multiplikatoren angeht ist er unschlagbar.
Natürlich sind die Werbekunden (bekanntlich wichtige Finanziers der Pressebranche) längst auf den Trichter gekommen, dass sie sich im Medium Internet wesentlich  effektiver und zudem  preiswerter präsentieren können. Zeitungen und Zeitschriften haben nunmal keinen Sofort-Bestellbutton im Angebot.

Den klassischen Papiermedien schwimmen die Felle weg. Was natürlich Panik unter den Machern erzeugt. Ganze Heere von Journalisten klassischer Prägung fürchten um ihr Einkommen, um ihre Jobs - falls sie diese nicht schon verloren haben.
Diejenigen, die noch in Lohn und Brot stehen, werden erpressbar angesichts des drohenden Einsparungszwanges, dem ihre Arbeitgeber ausgesetzt sind. Doch die meisten etablierten Unternehmer im Printjournalismus und im Verlagswesen stehen selbst unter massivem Druck. Der sich rasant ausbreitende online-Journalismus drückt ihnen und damit uns Journalisten langsam aber sicher die existenzielle Luft ab. Das World Wide Web ist zum Jobkiller geworden. "Verfluchtes Internet" schimpft die alte Garde.

Aber, werte Kollegen, begehen wir da nicht einen Denkfehler und messen mit zweierlei Maß? Wie kann es sein, dass wir den Faktor Internet im Grunde als die Innovation in Sachen "Befriedigung unseres allgemeinen Informations- und Konsumbedarfs" sehen; dass wir das Netz bereitwillig nutzen, um preiswert und bequem einzukaufen, um Pizza zu bestellen oder um gebrauchte Dinge unkompliziert zu verkaufen - gleichzeitig aber den online-Journalismus verfluchen, weil er uns (angeblich) das Einkommen abgräbt?
Was wollen wir denn nun: progressiv sein und mit der Zeit gehen (vor allem wenn wir uns die Recherchearbeit mittels Internet erleichtern können), aber die billig erworbenen Informationen dann weiterhin teuer (weil nun auf Papier gedruckt) verkaufen?
Wollen wir das Internet für unsere Arbeit zwar als Informationslieferant ausnutzen - es aber nicht mit Nachrichten für Jedermann füttern?

Ich weiß nicht recht ... irgendwie fühle ich, der ich seit Langem auch als Photograph arbeite, mich erinnert an die Zeit, als die analoge Photographie Schritt für Schritt von der digitalen Konkurrenz verdrängt wurde.
Was haben wir Analogbewahrer damals geschimpft, vor Wut gezittert, dem neuen Trend getrotzt. Wie haben wir sie boykottiert, die Photos aus Bits und Bytes. Haben angeprangert, wie es diesen gepixelten Machwerken an Flair, an Faszination - ja: an "Seele" mangele. Und wir hatten ja anfangs sogar Recht, denn die Entwicklung der digitalen Photographie steckte noch in den Kinderschuhen, musste eben erst laufen lernen.
Jetzt, wo die Digitalkamera und ihr mediales Umfeld "laufen" können, möchte im Grunde niemand zurückkehren zu Filmrollen, Barytpapier, Belichtungsproblemen und Dunkelkammer-Frust.
Niemand will sich mehr herumärgern mit unausgereiften Scannern und komplizierten Druckern, deren einziges Ausgabe-Ergebnis oft die ERROR-Meldung war. Ich will das jedenfalls nicht mehr am Hals haben.

Ich bin froh darüber, dass ich heute sekundenschnell meine Photos in jeden Winkel der Welt schicken kann - und dass sie dort auch wohlbehalten ankommen. Kein "auf dem Postweg verloren gegangen" mehr. Kein "völlig beschädigt, geknickt, aufgeweicht, angesengt angekommen - Honorar verweigert". Und auch kein "leider zu spät - Deadline überschritten".
Ja aber - was ist mit dem künstlerischen Anspruch? Mit der Romantik?
Ja, richtig, das ist natürlich ein Punkt. Jedenfalls wenn es um eine Galerie geht oder um  ein klassisches Hochzeitsportrait. Um eine selbstgemachte Glückwunsch-karte. Wenn eben der Aspekt Kunst im Vordergrund steht.
Wo jedoch professionelles Tempo gefragt ist, da nutze ich dankbar die aktuellen technischen Möglichkeiten.

Zurück zum "Schreckgespenst" online-Journalismus. Würden wir diesen genauso vehement verdammen, wenn man uns dafür so bezahlen würde, wie wir es früher gewohnt waren? Oder würden wir uns dann vielmehr die Hände reiben, weil wir für weniger Arbeitsaufwand dasselbe Geld bekämen?
Ich gebe natürlich zu (und wäre dumm, wenn ich es nicht täte), dass die ganze Sache zu stinken anfängt, sobald die journalistische Qualität auf der Strecke bleibt. Trotzdem behaupte ich: Wenn online-Journalismus qualitativ hochwertig gemacht wird, dann kann es guter Journalismus sein. Im Umkehrschluss gilt natürlich auch, dass Printjournalismus schlechter Journalismus ist, wenn er qualitativ minder-wertig daherkommt. Es kommt letztlich immer auf die Qualität an. Mittlerweile gibt es genug Blogger, die ich als gute Journalisten loben- und ohne weiteres als vollwertige Kollegen akzeptieren kann.
Offenbar sieht man das auch in den Reihen des DFJV (Deutscher Fachjournalisten Verband) so, in dessen Auftrag die Universität Hohenheim 2014 eine Umfrage-Studie durchführte, in der u.a. festgestellt wurde:
"Die Umfrageergebnisse zeigen zudem, dass Blogger hohe journalistische Qualitätsanforderungen an sich selbst stellen. Kriterien wie Objektivität, Relevanz, Richtigkeit, Aktualität usw. haben eine hohe Relevanz - was auch unter ethischen Gesichtspunkten positiv zu bewerten ist."

Es widerstrebt mir einfach, die Journalismus-Branche  grundsätzlich als "in Gefahr" zu betrachten, nur weil sich die Medien dem Zeitgeist anpassen und entsprechend verändern. Wenn wir Journalisten in den Glanzzeiten der Print-Berichterstattung dem Leser zutrauten, im Dickicht des  Blätterwaldes qualitätsbewusst zu filtern und zu entscheiden, was lesenswert ist - dann müssen wir diese Fähigkeit auch dem Onlineleser zutrauen. Inklusive der Zuversicht, dass die Verbraucher für hochwertigen online-Journalismus auch bereit sind zu bezahlen. Und wenn dieses Geld auch zu gerechten Teilen bei uns ankommt.
Die berufliche Verantwortung bleibt auf unserer Seite dieselbe wie eh' und je: nur wenn wir inhaltlich-guten Journalismus liefern kann sich der Leser auch dafür begeistern. Egal ob online oder auf Papier.

Ein wesentlicher Aspekt soll hier nicht unbeachtet bleiben: die Print-Thematik ist eine Sache, die wir auch unter der zunehmenden (Er)Kenntnis unserer Umwelt-problematik beurteilen sollten. Laut Umweltorganisation WWF (Deutschland) verbrauchen wir Deutsche jedes Jahr 20 Millionen Tonnen Papier* - soviel wie die Kontinente Afrika und Südamerika zusammen.
Der Pro-Kopf-Papierkonsum in Deutschland lag 2007 bei 256,4 Kilogramm. *

Laut Bundesumwelt-Ministerium sind  davon gut die Hälfte Druck- und Pressepapiere. Die Umweltbelastung durch Druckfarben, die häufig aus Mineralöl hergestellt sind, ist ebenfalls enorm.

Und was die zukünftige Entwicklung unserer Einkommens- situation angeht - mal ehrlich: ist es nicht so wie es immer war, wenn uns "die da oben" wieder etwas von dem abzwackten, was uns eigentlich zustand? Was ich meine?

Nun - werden solche Einkommensbeschneidungen nicht eigentlich nur deshalb möglich, weil wir nicht richtig zusammenhalten? Weil wir das mitmachen. Weil wir das mit uns machen lassen. Weil immer einer von uns, jawohl: einer aus unseren Reihen damit anfängt, sich billiger anzubieten, um einen Vorteil gegenüber seinen Kollegen zu ergattern?

Auch das muss man ehrlich zugeben: Manch ein Kollege, der einst mit stolzgeschwellter Brust vom hohen Ross des Printjournalismus auf die Internet-Blogger herabsah (diese gar als "Journalisten zweiter Klasse" abqualifizierte) bewirbt sich heute kleinlaut um einen Job in genau diesem Metier - nachdem er im kränkelnden bzw. sterbenden Printgeschäft durch den Rost gefallen ist.
Für den online-Journalismus ist das sogar eine gute Sache - wechselt doch so manches Journalisten-Talent jetzt dorthin, was auf einen qualitativen Aufwärtstrend der Branche hoffen lässt.

Die Moral von der Geschichte könnte lauten:
Wenn sich jeder Journalist seiner beruflichen Qualität bewusst ist und daran den Wert seiner Arbeit festmacht - wenn keiner von uns mehr bereit wäre, sich billig zu verkaufen: dann bräuchte niemand seine berufliche Existenz durch den online-Journalismus bedroht sehen.
Einfach Rückgrat zeigen. Das würde helfen. Angst ist ein schlechter Ratgeber - warum nur hören alle auf ihn? Der online-Journalismus ist nicht mehr "die Zukunft" - nein, er ist längst da. Er ist die Gegenwart.

Die Verbraucher, die ja unsere Kunden sind - egal ob wir sie romantisierend "Leser" nennen - orientieren sich längst online. Die Meinungsbildner von Heute sind die Blogger, und eigentlich ist das auch gut, sofern diese Zunft einen qualifizierten Job abliefert. Eins ist jedenfalls sicher: In Sachen Reichweite und Multiplikatoren kann der klassische Printjournalismus ihnen nicht das Wasser reichen. Ob es uns nun passt oder nicht.


*Quelle: Phillipp Göltenboth, Leiter des Waldprogramms beim WWF Deutschland  

Hintergrund-Photo: "city-of-the-next-generation" by Kuki Walsch