"Fiesta Alpine"                                            Kleiner FORD als BERGKAMERAD

Bild: FORD Presse
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Ich habe einige Zeit nachdenken müssen, um schließlich formulieren zu können was für ein Auto der Ford "Fiesta" 1.25 eigentlich ist.
Nicht lange überlegen musste ich allerdings, um dahinter zu kommen was er alles nicht ist:
Ein pfiffiger Stadtflitzer - auch wenn ich ihn gern so nennen würde. Leider kann er nicht wirklich "flitzen". Dafür fehlt es ihm schlichtweg an Dynamik. Man fühlt sich im Stadtverkehr immer irgendwie so, als wäre man im falschen Gang unterwegs. Weshalb man die rechte Hand eigentlich nie vom Schaltknüppel weg bekommt.

Und leider kommt er auch nicht wirklich "pfiffig" daher. Was - das gebe ich zu - auch eine Frage der individuellen Definition ist. Mir jedenfalls kommt er außen zu sachlich und innen zu "zwangsmodern" vor. Form follows function geht anders. Nehmen wir zum Beispiel das wirklich stylische Radio-CD-Center: Dieses während der Fahrt zu bedienen war für mich eine Art Albtraum. Es ist zwar optisch ein Hingucker, leider eben nicht wirklich funktionell, weil man sich in ihm nicht intuitiv zurecht finden kann. Und so verdient das Cockpit vielleicht die Bezeichnung "stylish" - letztlich jedoch nicht das Attribut "pfiffig".

Ansonsten darf man den vorderen Innenraum zurecht als Designerstück bezeichnen. Das Interieur wirkt cool wie ein Fitnessdrink - da können sich etliche Gestalter der Modern-Art-Linien à la SMART & Co. noch was abgucken. So "young & fit" hätte ich das Cockpit eines Ford nicht automatisch erwartet.

Style hin, Design her: es sind schließlich Räder dran. Was kann er in seiner Rolle als Auto? Ist dieser "Fiesta" ein Autobahnfeger? Natürlich nicht - das will und kann er nicht sein. Es gelang mir nur mit Mühe, die Tachonadel bergab maximal Richtung 168 km/h zu quälen. Mit Rückenwind und Sonne auf dem Tank. Macht laut Navi 158 "echte". Ein höheres Tempo geben die 60kw (82 PS) trotz 1-Personen-Minimalbesetzung nicht her, selbst wenn sich der Fahrer auf den Kopf stellen würde. Mehr ist in den Papieren auch nicht angegeben - sogar weniger, nämlich 152.
Auf dieser ersten Testfahrt war der Wagen übrigens nur mit zwei durchschnittlich gewichtigen Personen besetzt. Ohne Gepäck.

Für die etwas schmalbrüstige Motorisierung gibt es übrigens Alternativen, etwa das Modell "ST", mit dem man Herr über 182 PS ist. Und die Brieftasche um die 21.000,- Euro leichter. Dieser Über-Fiesta wurde  im Rahmen des Genfer Automobilsalons 2016  sogar mit nochmal zehn Prozent mehr Power (200 PS) präsentiert. Damit wird ein Null-auf-Hundert-Sprint in nur 6,7 Sekunden machbar, und erst bei 230 km/h wäre Ende der Fahnenstange (laut Werksangaben). So kann Fiesta richtig Spaß machen.

Der durchschnittliche Fiesta-Käufer wird sich wohl eher in moderaten Preisregionen umschauen und z.B. bei der von uns getesteten 60-kw-Variante landen.
Was kommt dann auf ihn zu? Wir merkten bald: in diesem Auto ist man gar nicht so schlecht aufgehoben, wenn man nicht permanent in Eile ist und nichts gegen einen eher gemütlichen Fahrstil hat. Für das Punktekonto in Flensburg ist der kleine Ford sicher keine Bedrohung.

Im weiteren Testverlauf haben wir den ausgeschlafenen Kölner dann ziemlich harsch ins kalte Wasser geworfen - wollten herausfinden, wie er sich in unserer aktuellen Testreihe "Cars made for Journalists" schlägt. Ob er sich also im praktischen Einsatz ein paar Sporen als Journalisten-Auto verdienen kann.
So kam es, dass der Ford "Fiesta" einen Tag in der Rolle als Redaktions-Arbeitstier erlebte. Bedeutet: Wir haben ihn ordentlich mit Reporter-Equipment bestückt, wozu freilich die Rückbank umgelegt werden musste. Kein Problem, denn wir reisten ja als Zweierteam, hinten musste also niemand sitzen. Es ist erstaunlich, was der erweiterte Gepäckbereich alles schlucken kann.

Vollgestopft mit unseren Kameras, Stativen, Scheinwerfern, Macbooks, Reflektoren und allerhand Technik-Kram zwangen wir das Auto dann, auf Reportagetour hoch ins Allgäu zu kraxeln. Erst 150 Kilometer über Autobahnen, dann noch ein ganzes Stück Bundesstraße. Immer bergauf in alpine Regionen.

 

Im Ford "Fiesta" auf Reportagetour (Photo: Michael F. Koch)
Im Ford "Fiesta" auf Reportagetour (Photo: Michael F. Koch)

Nun ist dieser Wagen naturgemäß für einen solchen Einsatz ähnlich gut geeignet wie ein Dackel als Schlittenhund; unsere Testkonstellation kann man getrost als reichlich unfair bezeichnen. Wer jetzt aber denkt, dass der Ford "Fiesta 1.25" angesichts der Aufgabenstellung sang- und klanglos in die Knie ging, der täuscht sich gründlich. Er sammelte Pluspunkte. Pluspunkt Nummer Eins wurde schon erwähnt:
Alles, was wir mitnehmen mussten, passte locker rein. Ohne dass uns vorn auch nur ein Millimeter Beinfreiheit genommen wurde.

Pluspunkt Nummer Zwei markiert einen Gegenpol zu den etwas mageren Fahrleistungen:

Das Auto lenkt nämlich sehr präzise und bremst sensationell. Es zirkelt zuverlässig um die Ecken und geht bei Bedarf in die Eisen wie ein D-Zug. Die hervorragende Verzögerung in Personalunion mit der punkgenauen Lenkung brachte bergab in den kurvigen Alpenserpentinen eine Menge Spaß - konnte ich mich doch an so manchen der stramm motorisierten SUV heranbremsen, die hier am Wochenende zahlreich ihre Flachland-Nummernschilder spazierenfahren. Im Hinterkopf freilich fragte das "grüne Männchen" beharrlich, wie es bei solcher Fahrt wohl um den Bremsenverschleiß bestellt ist.

Leider geht es selbst im Allgäu nicht dauerhaft bergab - jeder Abfahrt folgt auch eine Steigung. Dann befindet sich die Tachonadel des "Fiesta 1.25" eher auf dem Rückzug.
Schalten, schalten, schalten, heißt es dann. Ich rühre im Getriebe wie ein Bäcker im Teig. Drehmoment - laut technischen Daten 114 Nm bei 4200 Umdrehungen/Minute - ist fahrgefühlt nicht wirklich vorhanden. Wo sollte das auch herkommen bei (nur) Eineinviertel Litern Hubraum, die für den Transport des relativ hohen Eigengewichtes von 1,1 Tonnen plus Zuladung (erlaubt: 389 Kilogramm) herhalten müssen.
Ich musste den kleinen Ford im Grunde ständig am Drehzahl-Limit halten, was unterm Strich ordentlich Sprit kostet. Mit weniger als acht Litern pro Kilometer ging es im Durchschnitt nicht ab. Das lag an meiner Fahrweise und geht sicher auch deutlich sparsamer.

Der Motor verrichtet weitgehend zivilisiert klingend seinen Dienst, wird teilweise sogar vom (unschön-lauten) Klimalüfter übertönt.

Bild: FORD Presse
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Zurück zu meiner Eingangsfrage Was für ein Auto ist der Ford Fiesta?  Ford-Designchef Martin Smith hat dafür den Begriff  "Kinetic-Design" parat und spricht von "ausdrucksstarker Dynamik" und von "Bewegung schon im Stand". Na ja. Mir ist ehrlich gesagt Bewegung während der Fahrt wichtiger. Umso mehr, wenn ein Auto optisch so sportlich daherkommt wie der Ford "Fiesta" - unterwegs aber - wie soll ich sagen? - nicht so recht hält was sein Aussehen verspricht.
Doch bleiben wir sachlich: ein Auto mit einer Motorisierung am unteren Rand der Modell- und Preispalette als Testobjekt für Kraftakte herzunehmen wäre nicht fair. Wie es grundsätzlich um die Fahrleistungen der neuen "Fiesta"-Modelle bestellt ist soll demnächst ein Testreport mit stärker motorosierten Varianten zeigen.

Was als vorläufiges Testfazit bleibt:

Der Ford "Fiesta" präsentiert sich außen und innen in frischem, pfiffigem Look. (schon wieder "pfiffig" - aber mir fällt zu diesem Auto nunmal kein passenderes Adjektiv ein)
Er ist überdies überhaupt nicht klein, sieht richtig gut aus, und vor allem wirkt er keine Spur langweilig. Im Innenraum allerdings relativiert sich das großzügige Außenformat. Es mutet drinnen immer etwas dunkel an und geht irgendwie beengt zu.

Das ist insbesondere schade, weil der Wagen mit seinen 3,95 Metern Länge und 1.97 Metern Breite ja nicht wirklich klein ist. Einem positiveren (Innen)Raumgefühl - und vor allem auch einer ausreichend guten Rundumsicht - sind vor allem die kleinen hinteren Fenster sowie die deutlich unterdimensionierte Heckscheibe im Wege.

Abschließendes Fazit: Ganz sicher geht beim Thema "neuer Fiesta" viel mehr als in der Einstiegs-Variante.
Endgültig resümieren will ich deshalb erst, wenn ich den aktuellen Ford "Fiesta" in einer üppigeren Motorisierung getestet habe. Und das ist bereits für einen der in Kürze kommenden Berichte in Planung.