Sympathische Insekten:                                      Auch der Neue ist ein netter Käfer

Generationen vis a vis: Käfer neu und alt
Generationen vis a vis: Käfer neu und alt

Obwohl ich früher wie die meisten Jungs mehr von Autos träumte, die im alltäglichen Verkehrsbild eher selten zu sehen waren - also rassige Sportwagen und exquisite Edel- Limousinen: Meine reale persönliche Geschichte als Autobesitzer begann mit einem VW Käfer. Weil seinerzeit meine große Liebe (sie ist mittlerweile längst meine Ehefrau) ein solches Exemplar ihr Eigen nannte, schlägt auch heute noch mein Herz ganz besonders für diesen Klassiker deutscher Automobilhistorie - immerhin über 30 Jahre danach.
Mein erster eigener fahrbarer Untersatz war also ein Käfer. Er gelangte Mitte der 1980er Jahre in meinen Besitz - schon das war eine Story für sich: Ich hatte meine Fahrprüfung noch nicht absolviert, war also noch nicht im Besitz eines gültigen Führerscheins. Trotzdem wollte ich mir schon mal ein Auto kaufen, um dann mit dem Erhalt der Fahrerlaubnis sofort mobil zu sein.

Damals führte mein täglicher Einkaufsweg am Verkaufsplatz eines Gebrauchtwagen-händlers vorbei.  Dort, auf einem ausgedienten Tankstellengelände mit deutlichem Moos-Bewuchs in den Dehnungsfugen des Betonbodens, waren beinahe durchweg "alte Gurken" ausgestellt. Allesamt hatten schon bessere Tage gesehen und waren im Schnitt für ein paar Hunderter zu haben.
Unter ihnen hatte es mir ein weißer VW Käfer angetan. Zumindest glaube ich, dass die leicht graustichige Farbe irgendwann einmal weiß gewesen ist.  Beinahe jeden Tag besuchte ich ihn und war sicher: den will ich. 

So sah er aus - mein erster Käfer
So sah er aus - mein erster Käfer

Als ich endlich das Geld zusammen hatte schlug ich zu. Die Preisverhandlungen verliefen günstig für mich - irgendwie schien der Händler nicht allzu sehr an diesem Wagen zu hängen. Ich wurde Autobesitzer. Natürlich chauffierte ich nach Abschluss der Formalitäten - Bezahlen, Papiere und Schlüssel an mich, Händedruck - den Wagen höchstpersönlich vom Hof. Ohne Zulassung und ohne Kennzeichen. Die paar Hundert Meter würde ich schon schaffen. Ein Irrtum. Drei Ecken weiter ging die Karre aus. Und nicht wieder an.
Ich öffnete die Heckklappe und schaute auf den Motor - weil man das eben so macht. Sehen konnte ich nicht viel. Aber riechen. Es stank extrem nach Sprit. Ja klar,
Benzin! Bestimmt war der Tank leer. Bekanntlich hatten die alten Käfer keine Kraftstoffanzeige - ich musste also in den Tank hineinlauschen und dabei das Auto schaukeln. Es plätscherte gar nichts. Also leer.
Halb so schlimm. Laufe ich eben zurück um die Ecke zum Verkäufer.

"Können Sie mir einen Kanister leihen?"  bat ich den Mann. Und er antwortete ehrlich verwundert:
"Ich habe doch bevor Sie kamen extra noch über zwei Liter reingetankt!"

Ich kürze die Story ab: Mein allererster Käfer verbrauchte aufgrund eines Defektes ca. vierzig Liter auf 100 Kilometer. Seine Zulassung mit mir als Halter-Eintrag erlebte der Wagen übrigens nicht. Noch in der Woche des Kaufes wurde er nachts aufgebrochen und ein Opfer von sinnlosem Vandalismus. Die Polizei erwies sich weder als Freund noch als Helfer und nahm nur sehr lustlos Spuren am Fahrzeug.

Die Ermittlungen (sollten überhaupt welche stattgefunden haben) verliefen im Sande.

Einige Monate später trat jene hübsche Schwäbin in mein Leben, die heute meine Frau ist. Mit ihr kam auch ein schnuckeliger VW Käfer in Orange, den ich dummerweise bald in einer tückischen Serpentine Richtung Schwäbische Alb unsanft auf's Dach legte. Wie durch ein Wunder blieben wir beide trotz mehrerer Überschläge vollkommen unverletzt. Der geliebte Käfer aber hatte es hinter sich. Ein herbeigeeilter Bauer transportierte ihn per Gabelschlepper ab zur letzten Ruhe.

Heute, drei Jahrzehnte und ein paar Dutzend Auto-Erfahrungen später, schreibe ich über den jüngsten Käfer in unserer Familiengeschichte. Das schnuckelige Cabriolet aus der "50's Edition" kam zu uns wie ein unerwartetes Kind. Es mag sich zunächst ein wenig fremd vorgekommen sein in unserem Fuhrpark, der sich seinerzeit aus eher hochmotorisierten Fahrzeugen Zuffenhausener Herkunft zusammensetzte.
Der Grund für seine Anschaffung war Liebe auf den ersten Blick, die uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel übermannte. Wegen einer Service-Angelegenheit verbrachten wir einige Minuten Wartezeit im Verkaufsraum "unseres Händlers", wo natürlich auch Fahrzeuge ausgestellt waren. Darunter, inmitten hochmotorisierter Boliden, ein frisch hereingekommenes Käfer-Cabriolet. Hatte ich erwähnt, dass gerade Winter war?

Das Verkaufspersonal glaubte angesichts der ungünstigen Jahreszeit wohl nicht so recht an einen schnellen Verkauf. Und auch die anwesende Kundschaft ignorierte das Cabrio weitgehend.

Uns aber lockte das stylische Lederinterior zum Reinsetzen - und schwupps! hingen wir am Köderhaken des Verkaufsleiters. Dessen Argumentationskette: Ehemalige Präsentationsfahrzeuge der Volkswagen AG (daher besonders günstig). 1. Sehr wenig Kilometer auf dem Tacho - 2. eine mehrere DIN A4 Seiten umfassende Liste voll mit Sonderausstattungs-Details. Gepaart mit einem erstaunlichen Preisnachlass.

Innen stylishes Leder: Sonderserie "50s Edition"
Innen stylishes Leder: Sonderserie "50s Edition"

Wir gingen umgehend auf Probefahrt und kauften dann ohne zu zögern. Endlich wieder ein Käfer! Und was für einer. Automatikgetriebe (genauer: DSG), Servolenkung, Klima-Automatik, Sitzheizung, elektrisches Verdeck. Dazu ein starker Motor. Auf einer Wolke aus Nostalgie schwebten wir heim - bei Minusgraden mit offenem Verdeck.

Die Wellen nostalgischer Gänsehaut glätteten sich nach den ersten Tagen der Euphorie, und der Neue musste jetzt seine Fähigkeiten als Alltagsauto unter Beweis stellen. Meinen Bericht darüber beginne ich mit einer ausdrücklichen Empfehlung an alle Singles:
Wann immer ich mit offenem Verdeck irgendwo vorfuhr, wurde ich stets von Frauen angesprochen. Sooo süß sei dieses Auto. So knuffig. Natürlich war  nicht ich der Mittelpunkt ihres Interesses - was sowieso zu nichts geführt hätte.  Ich bin ja glücklich verheiratet und entsprechend brav. Wäre ich es nicht, hätte ich gewiss einiges daraus machen können ... wobei wie gesagt das Auto der Sympathieträger gewesen wäre, dessen Charisma möglicherweise auch ein klein wenig auf seinen Fahrer ausgestrahlt hätte.

Nun aber ernsthaft zum Thema Alltagstauglichkeit. Gleich vorweg: wer ein wirklich sportliches und somit auch spritzig motorisiertes Auto will sollte sich vielleicht besser anderweitig orientieren.
Der offene Beetle als Benziner in der 1,2 Liter-Motorisierung präsentiert sich nominell mit 105 PS, von denen man jedoch kaum etwas spürt. Er bewegt sich - sorry - eher langweilig und hält nichts vom Flitzen. Wendig durch die Stadt fegen ist nicht seine Paradedisziplin. Adrenalinschub: Fehlanzeige.
Auf der Autobahn kann man eine recht passable Höchstgeschwindigkeit von knapp über 200 km/h herausquetschen (mit geschlossenem Dach). Dabei fallen einem wegen der orkanartigen Windgeräusche aber schier die Ohren ab - und beim Blick auf die Tankzeige die Augen raus. Der Beetle hat einen Strudel im Tank, wenn man ihm ein bisschen die Sporen gibt.

Vielleicht liegen ja seine Stärken umso mehr im Einsatz als Stadtauto? Na ja. Auch hier zeigten sich leider Schwächen und Nachteile. Zum regelrechten Verzweiflungstrip etwa gestaltete sich das Einparken im Rückwärtsgang. Der Beetle ist sehr unübersichtlich - bedingt durch ein ungünstiges Verhältnis von großen Verdeckflächen und kleinen Fenstern.
Zu jedem längsseitigen Anvisieren einer Parklücke musste ich immer erst das Verdeck öffnen, um überhaupt ein Parkmanöver kalkulieren zu können. Ich bin übrigens ein sehr geübter Parker, habe ich doch jahrelang Autos aller Dimensionen in engste Messestände und Verkaufsräume rangiert. Dieses Auto aber brachte mich häufig an meine Grenzen. Ich habe mich desöfteren bis auf die Knochen blamiert.

Und das Platzangebot? O weh', noch ein Schwachpunkt. Sagen wir mal so: das Auto hat hinten zwei Sitze. Die sehen zwar chic aus, aber kein halbwegs normal proportionierter Erwachsener kann dort vernünftig sitzen. Knie und Bandscheiben sollte man am besten zuhause lassen.
Stauraum? Nun ja - es gibt einen sogenannten Kofferraum. Da passt aber so gut wie nichts rein. Überhaupt nichts, wenn man auch noch die abgenommene Dach-Persenning unterbringen muss, weil man sich spontan entscheidet, offen zu fahren.
Überdies ist die Kofferraumöffnung fast so eng wie eine U-Boot-Luke  geraten, was auch nicht gerade als Vorteil gewertet werden kann.

Aha. Soso. Und warum nun soll man sich dieses Auto - diese offensichtliche Ansammlung von Nachteilen - überhaupt zulegen? Man soll nicht. Man will aber. Wann immer die Marke VW als langweilig bezeichnet wurde - an diesem Auto liegt es nicht.
Jawohl: Der Beetle ist nicht praktisch. Es stimmt: er ist nicht zum Transportieren gemacht. Er ist auch nicht ganz das richtige Gefährt, um schnell von A nach B zu gelangen. Im Gegenteil: man sucht immer nach Gründen, um noch nicht ans Ziel kommen zu müssen. Denn um zu cruisen ist er einfach perfekt.

 

Was aber ist es nun - das Argument für dieses Auto? Ich habe nur eine Antwort: ES IST LIEBE.