Transporter Made in Zuffenhausen: Der PORSCHE "Cayenne"

"Wir  nehmen den Großen" sagen wir meist, wenn wir zu einer Reportage aufbrechen, deren Location weiter von unserem Bürostandort entfernt ist. Und gern auch wenn wir zu einem journalistischem Projekt unterwegs sind, bei dem wir viel Equipment einsetzen müssen:

Alles passt hinten rein, ohne dass wir vorn auch nur einen Millimeter unserer Beinfreiheit opfern müssen.

Genug Platz im Reportage-Einsatz: Kofferraum des PORSCHE "Cayenne"
Genug Platz im Reportage-Einsatz: Kofferraum des PORSCHE "Cayenne"
Eines unserer typischen Gepäckstücke auf Reportage-Tour
Eines unserer typischen Gepäckstücke auf Reportage-Tour

A propos vorn - da thronen wir in einem Cockpit, das dem einer Edel-Yacht alle Ehre machen würde. Mit dem Modell "Cayenne" verabschiedet sich ein über Jahrzehnte etabliertes Vorurteil bezüglich der Marke PORSCHE: Viel Bums, wenig Platz, noch weniger Luxus.
Sogar ein PORSCHE 911 steht längst nicht mehr automatisch für einen spartanischen Innenraum. Früher manifestierte sich ja die 911-typische Interpretation des Begriffes "Innenausstattung" so:  Ambiente wie ein VW Käfer, vier minimalistische Rundinstrumente zur Überwachung der betriebswichtigsten Parameter Drehzahl, Geschwindigkeit, Temperatur und Öldruck. Und eine Uhr. Das war's.
Zwischen den Sitzen saß ein Schaltknüppel, dem immer irgendwas im Weg war. Hinten zwei Folterinstrumente, die sich "Notsitze" nannten. Dazu ein Lüftungs-/Heizungssystem, das im Sommer für Schwitzflecke und im Winter für Frostbeulen sorgte. Der Faktor Comfort spielte damals beim 911er eine eher untergeordnete Rolle.

Im Umgang mit den zahlreichen PORSCHE-Sportcoupés, die über die Jahrzehnte in unserem Besitz gelangten, wurden wir auf Verzicht konditioniert. Das totale Kontrastprogramm dazu bildet nun der Cayenne - wir sind umgeben von üppigem Luxus. Die Begriffe PORSCHE und COMFORT sind längst keine antagonistischen Widersprüche mehr.

Werden unsere Reisen also verwöhnte Faulenzer-Ritte werden - umgeben vom plüschigen Charme, wie wir ihn von britischen Edelkarossen aus dem Fuhrpark von Queen Mum & Co. kennen?
Werden wir uns langweilen, gar ärgern, weil PORSCHE auf einmal nicht mehr für Dynamik steht, sondern ausschließlich für Bequemlichkeit?
Und muss man sich heutzutage sogar ein wenig schämen, weil man in einem dieser Pseudo-Möchtegern-Geländewagen sitzt, die sich SUV nennen?
Solcherlei Befürchtungen lösen sich schon nach den ersten hundert Metern vollständig in Luft auf. Eigentlich schon vorher im Stand, wenn ich den Motor starte. Jedesmal denke ich dann auf's Neue überrascht: so kernig kann ein Diesel klingen? Sonor und kompetent grummelt ein Tieftöner unter der Haube, ohne dabei auch nur die Spur angeberisch zu wirken. Vor allem ohne verräterisches Ventilklappern oder Rasseln.

Los jetzt. Automatikhebel auf D, und ab geht's. Wenn ich das Gas antippe, gibt sich der massige Cayenne keineswegs übergewichtig, sondern knallt los wie ein Korken aus der Sektflasche. Ich vergesse dann immer erstmal, dass wir in einem vergleichsweise hochbeinigen und vor allem schwergewichtigen SUV unterwegs sind, denn so fühlt es sich überhaupt nicht an. Der Höhenfaktor kommt erst an der nächsten Ampel richtig zum tragen, als neben uns eine "normale" Limousine hält. Ich sehe im Nachbarauto wohl die Knie der Beifahrerin von oben - aber nichts von ihrem Gesicht, das komplett vom Wagendach verdeckt ist. Immerhin ist unser PORSCHE ca. 1,70 m hoch; damit gut vierzig Zentimeter höher als ein 911 Carrera - und beinahe eine Tonne schwerer. Das vergisst mein beim Fahren leicht, weil der Cayenne erstaunlich agil und leichtfüßig zur Sache geht.

Gelb. Grün. Ab! Gravity Made in Germany - die Beschleunigung lässt uns eine kraftschlüssige Verbindung mit den Rückenlehnen eingehen. Der Cayenne schiebt vorwärts wie ein übermütiger Jungbulle.

Dieses PORSCHE-Modell bleibt natürlich nicht von gewissen Vorurteilen verschont, die mit dem typischen SUV-Klischee zusammenhängen. Eines davon:

"Ein SUV ist nur was für Jäger, Forstarbeiter, Expeditionsteilnehmer oder für Bewohner verlassener Bergregionen."

Streichen Sie das getrost von der Liste. Der hier fühlt sich auch auf Innenstadtstraßen ziemlich wohl. Selbst vor einem Ampelstart braucht er sich nicht zu fürchten.

Allerdings muss man sich eine zusätzliche Portion Rangiermut zulegen, wenn es mal eng wird. Was zu dem nächsten Vorurteil führt - das da lautet:
"Der passt in keine Garage."
Na ja. Er passt schon rein. Aber es ist nicht immer ganz einfach. In schmalen Tiefgaragen-Einfahrten etwa kommt man sich schnell vor wie ein Mähdrescherfahrer, der sich ins Nadelöhr einer Altstadtgasse verirrt hat.
So agil der Cayenne auch fährt - er ist und bleibt eben ein ziemlicher Brocken.

Dabei spielt seine tatsächliche Größe eigentlich gar nicht so eine Rolle, sondern eher wie sich die Sache aus der Fahrerposition darstellt. Man hat das Gefühl, der Wagen wäre doppelt so groß wie die ganze Garage. Steigt man aus und schaut nach, dann stellt man fest, dass doch Platz genug ist.

Das Garagen-Vorurteil kann ich also leider nicht ganz entkräften. Es wäre zwar nicht fair, den Cayenne als "hoffnungslos überdimensioniert" zu bezeichnen - er kann aber durchaus so wirken - vor allem dann, wenn die Angst noch ein paar Zentimeter hinzuphantasiert. Man muss sich halt dran gewöhnen (das kann man auch).  
Und mal ehrlich: unterm Strich wollen wir doch ein Auto nicht vorrangig danach beurteilen, wie wir es in die Garage bekommen, oder? Wir wollen fahren. Und das will der Cayenne auch. 

Fangen wir also an, möglichst schnell möglichst viel Strecke von unserer 870-Kilometer-Tour zu "fressen". Auf der freien Autobahn tut der Wagen dies gierig. Sein Lieblingsplatz ist eindeutig links. Er wird dort allerdings von vor-sich-hin-schleichendenden Hutträgern nicht immer gleich als Schnellfahrer (an)erkannt, was sowohl mit seiner wuchtigen Silhouette als auch mit gelegentlichem Fabrikatsneid zusammenhängen mag.

Innen übrigens sollte man sich jederzeit einer Tatsache bewusst sein, über die Comfort und Behaglichkeit leicht hinwegtäuschen könnten:
Bei Höchstgeschwindigkeit sitzt man in einem Sessel, der innerhalb eines Wimpernschlages 30 Meter zurücklegt. Solch hohes Tempo erfordert gesteigerte Aufmerksamkeit.

Wie wir dahinrauschen in diesem PORSCHE, der so anders ist als seine flachgeduckten Sportkollegen, da wundert uns überhaupt nicht mehr die Tatsache, dass jeder zweite verkaufte PORSCHE ein Cayenne ist. Dieses Auto packt einen schlichtweg. Man fühlt sich - ich spreche es frei von Arroganz aus - überlegen. Diese Überlegenheit hat nichts mit Markendünkel oder Hochnäsigkeit zu tun, sondern resultiert vielmehr aus einer Art Gewissheit, hier mit vollendeter Automobiltechnik umgeben zu sein.

By the way:
Ich bin mir durchaus der Tatsache bewusst, dass sich ein Fachjournalist nicht zum leichtfertigen Schwärmen verleiten lassen darf. Tue ich auch nicht. Aber wenn es doch die Wahrheit ist? Es ist die Wahrheit. Nur sie hat mich im Endeffekt dazu veranlasst, dieses Auto zu kaufen. Aus Überzeugung. Und übrigens ohne jeglichen Sonder-Rabatt.

Wir fahren. Auf den richtig schnellen Autobahnpassagen, dort wo ich die Höchstgeschwindigkeit bis zum letzten der über 220 km/h ausreize, klopft auf einmal das Grüne Männchen von innen an meine Schädeldecke und fragt:

"Was, wenn du jetzt plötzlich hart bremsen musst? Meinst du, dieses Schwergewicht lässt sich effektiv verzögern?"

Berechtigte Frage. Wie steht's um die Bremsen?

Vor uns ist niemand. Hinter uns niemand. Ich "trappe" in die Eisen. Und bin im nächsten Moment heilfroh, ordentlich angegurtet zu sein. Der Cayenne verzögert nicht nur - er praktiziert die Fähigkeit, massiven Vortrieb urplötzlich in Statik umzukehren. Bremswirkung hervorragend. Punkt.

Vergleichsweise relaxed sehen wir nach knapp sechs Stunden die Wellenkämme der Ostsee hinter den Dünen auftauchen. Wir sind da. Hinter uns liegt ein beinahe 900 Kilometer langer Weg, den ich schon oft in verschiedensten Autos zurückgelegt habe. Meist war ich dann erschöpft und hatte beim Ankommen kein anderes Bedürfnis, als erstmal gründlich auszuruhen .

Heute ist es anders. "Gehen wir doch noch ein Eis essen" sage ich zu meiner Frau und freue mich schon auf das kleine Eiscafé am Strand.

Nachtrag

Mein Bericht über die Erfahrungen mit unserem PORSCHE "Cayenne" wäre unvollständig, würde ich nicht eine weitere Episode mit diesem Auto erwähnen. Sie ereignete sich gut 1000 Kilometer von der Ostsee entfernt auf dem Weg zum Lago Maggiore. Dort verbringen wir gern die eine oder andere Woche in unserem schweizerischen Lieblingshotel "Esplanade" (in Minusio/Kanton Tessin).

Im Tessin findet der ambitionierte Autofahrer - als solchen bezeichne ich mich - einige anspruchsvolle Serpentinen. Die Fahrbahn ist dort zuweilen abenteuerlich eng und von schroffen Felshängen begrenzt. Insbesondere bei (von typisch italienischer Fahrweise geprägtem) Gegenverkehr kann es da wirklich haarig werden.

Schon öfters hatte ich Gelegenheit, dort im PORSCHE 911 oder Cayman"S" scharf um die Ecken zu räubern. Und einmal eben auch in unserem Cayenne.

Nun mag einem der stämmige SUV im ersten Moment zugegebenermaßen nicht als ideales Vehicle vorkommen, um rasant durch alpine Serpentinen zu jagen - ich aber kann berichten, dass er dort eine erstaunlich gute Figur abgab. Willig und geradezu leichtfüßig ließ er sich durch die anspruchsvollen Kurvenkombinationen pilotieren.

Daran hatte nicht zuletzt das "Porsche Active Suspension Management" (PASM) erheblichen Anteil.

PASM: Porsche Active Suspension Management (Bild: PORSCHE Presse Service)
PASM: Porsche Active Suspension Management (Bild: PORSCHE Presse Service)

Die Meinungen über dieses Extra polarisieren ja zuweilen - insbesondere in Foren. Im Cayenne jedenfalls habe ich es schätzen gelernt: quasi per Knopfdruck kann ich damit entscheiden, ob ich in einem vergleichweise hochbeinigen, sogar halbwegs geländetauglichen SUV oder in einem straff abgestimmten Sportwagen unterwegs sein möchte.

Ich neige nicht zum angeben und verzichte deshalb an dieser Stelle darauf, detailliert zu berichten wie ich auf dem Grand Prix-Kurs des Hockenheimrings mit unserem "Cayenne" (dank PASM im abgesenkten Modus) eine Gruppe von Freizeitracern zum Verzweifeln brachte, weil ich deren tiefergelegten und getunten "Rennsemmeln" ganz ordentlich um die Ohren gefahren bin.

Angesichts dieses Erlebnisses kann ich mit einem weiteren Vorurteil aufräumen, welches da lautet:Ein SUV ist nicht wirklich was zum Schnellfahren. In Hockenheim jedenfalls konnte ich dieser Meinung zweimal etwas entgegensetzen - einmal mit einem BMW "X6"M und eben mit dem PORSCHE "Cayenne". Auf dem Rennasphalt von Hockenheim hatten alle Mitglieder unseres (international erfolgreichen) Profi-Racing-Teams mit meinem Cayenne reichlich Spaß und realisierten erstaunlich gute Rundenzeiten. Natürlich nur "just for fun" bzw. zu Testzwecken und nicht etwa im regulären Rennbetrieb. 

Jeder journalistische Testbericht sollte zu einem Fazit führen. Meins lautet so:
Dem "Cayenne" sieht man seine sportliche DNA nicht auf den ersten Blick an. Aber er trägt sie definitiv in sich und hat deshalb jede Berechtigung, sich als vollwertiges Mitglied einer Sportwagenfamilie zu bezeichnen, deren Name weltweit für Dynamik und Faszination auf vier Rädern steht.

Er ist nicht flach. Er ist nicht eng. Er hat auch hinten richtige Sitze. Und doch ist er ein PORSCHE.