Not really a Dream Car :                                       ROLLS ROYCE Silver Shadow II

Kommt man auf das Thema "Traumautos" zu sprechen, dann ist Einer immer dabei: der Rolls Royce. Königinnen und Fürsten, Diplomaten und Diktatoren,  Gentleman-Ganoven und Stars  lassen sich darin herumkutschieren. Kaum ein anderes Auto steht weltweit so beispielhaft für den Begriff Luxus.

Ich erlebte im Rolls Royce Silver Shadow den schönsten Tag meines Lebens - was allerdings weniger mit dem Auto zu tun hatte. Vielmehr mit dem Ereignis dieses Tages an sich. Meine Hochzeit.
Verständlich also, dass diese Story kein nüchterner Automobil-Testbericht wird. Erstens wäre der wohl ein wenig verspätet (besagtes Fahrzeug erblickte bereits 1980 das Licht der Welt); zweitens erlaubt der Anlass keine journalistische Strenge. Und drittens könnte dieser Bericht dem Image der Marke mehr schaden als nützen.
Der Silver Shadow II würde nämlich mit Pauken und Trompeten durchfallen. Denn er ist - ich bitte alleruntertänigst um Verzeihung - ein automobiler Albtraum. Selbst wenn man berücksichtigt, dass es sich um einen Oldtimer handelt, bleibt diese Einschätzung wahr.

Doch sehen wir einfach hinweg über die kaum zu bändigenden Undichtheiten in all jenen Systemen, die ihren technischen Sinn eigentlich nur erfüllen könnten wenn sie dicht wären. Reden wir auch nicht darüber, dass jeder Besitzer seinen vintage Rolls Royce wohl mehr von unten sieht als aus jeder anderen Perspektive.
Und reden wir gleich gar nicht über das Thema Unterhaltungskosten. Das alles wäre so wie nach dem rein praktischen Sinn von Champagner, Kaviar, Seidenunterwäsche oder diamantenen Manchettenknöpfen zu fragen.

Explizit eingehen wollen wir hier auch nicht auf die technischen Details zum Fahrzeug, denn über derlei Profanitäten spricht man einfacht nicht, wenn es um einen Rolls Royce geht. Nicht zuletzt weil das eine Menge Platz erfordern würde:
Wassergekühlter Leichtmetall-Motorblock; nasse Zylinderlaufbuchsen; zentrale Nockenwelle mit Stirnantrieb; kontaktlose Elektronikzündung (Lukas); hydraulischer Ventilspielausgleich; 2 SU-Vergaser Typ HIF7; 5fach gelagerte Kurbelwelle; einteilige Kardanwelle; selbsttragende Karosserie; hydropneumatische Niveauregulierung; innenbelüftete Scheibenbremsen - es ginge noch munter weiter, aber lassen wir das. Diese schnöden Fakten aus der Welt der Maschinen dienen in der Welt der Rolls-Royce-Owner nur einem einzigen Zweck: auf der Straße dahinzugleiten wie ein Adler in klarer Bergluft.

Auf die Gefahr hin, dass morgen bewaffnete Elitekämpfer der britischen Armee unser Haus stürmen und mich zwecks Bestrafung wegen Hochverrats nach London entführen: Ich breche jetzt mit einem Tabu und verrate eines der wohlgehütetsten Geheimnisse des Empire - nämlich wieviel Leistung der Wagen auf die Antriebsräder bringt: es sind 200 PS. Sie werden generiert von einem 8-Zylinder-(V)Motor aus Leichtmetall mit 6.750 ccm Hubraum.
Die legendäre Laufruhe dieses Aggregats soll ja angeblich nachweisbar sein, indem man ein randvolles Glas Wasser auf den Motorblock stellt und startet - man sagt es würde im Leerlauf unbeirrt stehenbleiben und keinen Tropfen verlieren.
Wir, das Brautpaar, haben diesen Test etwas modifiziert und kurzerhand in den Fond verlegt: unsere Champagnergläser standen während der Fahrt gut gefüllt auf dem Mahagony-Tischchen vor den Rücksitzen aus feinstem Leder. Alles blieb trocken - bis auf unsere Kehlen. 

So fuhr ich denn auf dem Hinweg zum Standesamt als begeisterter (Auto)Liebhaber mit klopfendem Herzen - und erlebte die Rückfahrt als verheirateter Mann. Ich hatte bis dahin schon in so vielen Autos gesessen, mit Adrenalin bis zur Hutschnur - ausgeschüttet angesichts brachialer Beschleunigungswerte, exorbitanter Endgeschwindigkeiten und dem Sound brüllender Motoren. Diesmal aber, bei lediglich 50 km/h, die sich eher anfühlten wie dreißig -, erlebte ich einen Glücksrausch wie nie zuvor auf vier Rädern. Der vergleichweise schlichte Ring an meinem Finger war - so kam es mir vor - tausendmal mehr wert als die gesamten britischen Kronjuwelen.

Wie aber war es nun, das Fahrgefühl in dieser Edelkarosse (übrigens in der Lackierung "Willow Gold") ? Hier geht es doch um Autos, also bitteschön: wie fährt es sich in einem klassischen Rolls Royce?
Es ist ... es ist ... eine andere Dimension. Die sich vor allem außerhalb des Wagens manifestiert. Man sieht durch die elegant getönten Scheiben, wie sämtliche Passanten rechts und links der Straße abrupt stehenbleiben und ihre Köpfe nach dem Auto drehen.
Aufgerissene Münder. Männer, die ihre Begleiterinnen am Ärmel zerren und wild Richtung Straße gestikulieren. Teenager-Cliquen, die spontan eine Laola performen.
Bei einem Ampelstopp fällt dem Nachbarn auf der Nebenspur in einer dieser aufgemotzten Rennsemmeln glatt die Kippe aus dem Mund.

Der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden: an der Wirkung unseres mobilen Hochzeitsaufmarsches auch die Gesamt-Zusammensetzung der Kolonne beteiligt:
Den Rolls Royce begleiteten ein 1976er Dodge "Royal Monaco" (der mehr die Ausmaße einer Immobilie als eines Autos hatte) - gefahren von zwei Bodyguards in authentischen US-Police-Uniformen aus dem Fundus des Stadttheaters. Weiter ein edler "Citroen DS" aus den 1970er Jahren und ein VW-Käfer-Oldie in hippiemäßiger Flower-Power-Lackierung.
Solchermaßen eskortiert wirkte der Rolls noch ein wenig erhabener. Majestetisch schwebten wir durch die Straßen unseres Viertels - im wohl nobelsten Auto der Welt. Das besteht letztendlich auch nur aus einem Motor, vier Rädern und einer Karosserie aus Blech. Aber eben auch aus einem Mythos, und man wird irgendwie ein Teil davon, wenn man drin sitzt.

Dennoch beende ich diesen Bericht mit einer Erkenntnis, die man hoffentlich im Vereinigten Königreich nicht lesen wird:
Meine grundsätzlich eher skeptische Einstellung zu britischen Oldtimern (wenn man diese tatsächlich im alltäglichen Gebrauch nutzen will) hat sich durch die Fahrt in Ihrer Majestät liebstem Automobil nicht zum Positiven geändert. I'm very sorry.