Business Wheels                                                        Die Vespa kommt zu uns 

Ich gebe zu: die Idee war ein wenig verrückt. Aber es steckte Absicht dahinter. Heute konnte ich nämlich das aktuelle Fahrzeug für unseren Testreport "Vehicles Made for Journalists" in Empfang nehmen. Erste Etappe der Fahrtests war eine Tour vom Sitz der Zweirad Nägele GmbH im schwäbischen Geislingen bis zu unserem Redaktions-Standort in Ulm. Was an sich keine große Sache ist, denn beide Locations liegen nur 30 Kilometer auseinander.

Zwei Tatsachen allerdings gaben der Situation eine gewisse Brisanz: erstens führt die Strecke einen tückischen Abschnitt der "Geislinger Steige" hinauf - der bekannte Albaufstieg machte dem 4,8 PS-Motor stellenweise mit Steigungen bis zu 35% das Leben schwer.
Schwierigkeit Nummer zwei: mein Kampfgewicht beträgt knapp 90 Kilo.
Dennoch hatte ich mir in den Kopf gesetzt, den Aufbau einer möglichst intensiven Beziehung zwischen mir und dem Italo-Roller genau in diesem Rahmen zu beginnen. In der Hoffnung, dieser Höhenmarathon würde uns einander nahe bringen. Wir würden uns kennenlernen.

Freilich machte sich spätestens am Vorabend des Übernahmetages ein kleiner Hummelschwarm in meinem Bauch bemerkbar. Soll ich das wirklich machen? Warum nicht einfach die Vespa auf die Ladefläche des Pickups schnallen und mit 350 PS gemütlich zur Testredaktion kutschieren?
Nein. Ganz entschieden: Nein! Ich will von Anfang an wissen, was die schnittige "Wespe" drauf hat ...
Sie hat was drauf. Sie hat das Herz eines Fighters, so schlank und grazil sie auch aussieht. Ohne einen Zwischenstopp trug sie mich bis ganz rauf. Zwar weigerte sie sich an den extrem steilen Abschnitten, schneller als 20 km/h zu fahren - aber sie hat es schließlich bis nach oben geschafft.

Dann allerdings brauchte sie eine Verschnaufpause zum Abkühlen.
Und ich musste den Stress abschütteln. In meinen Ohren echoten gefühlt immer noch die Klänge aller in Deutschland jemals verbauten Autohupen. Ganz nebenbei sprang eine lehrreiche Lektion für den Autofahrer in mir heraus: nie wieder werde ich mich über langsame Rollerfahrer aufregen. Die führen nämlich streckenweise ein verdammt hartes Dasein auf unseren Straßen, die von stolzen Rittern auf vierrädrigen Stahlrössern zu ihrem Privat-Terrain erklärt werden.
Lasst sie leben, die Rollerfahrer - sage ich. Zum Rollerfahren gehört eine Menge Herz. Das merkt man erst dann richtig, wenn man selbst ohne tonnenschwere Blechrüstung versucht, sich zwischen haushohen Monstern (so kommen einem manche LKW aus der Rollerperspektive vor) einen halbwegs sicheren Weg zu bahnen.

Auf meinem kleinen Überland-Trip bekam ich eine Art blasse Ahnung, wie sich meine Eltern gefühlt haben mögen, wenn sie als Teenager mit ihrer Vespa von der östlichen Mitte Deutschlands bis nach Bella Italia in den Urlaub fuhren. Über Tausend Kilometer. Zu zweit. Mit Sack und Pack - sogar ein kleines Zelt hatten sie dabei.

Zwischengedanken abschließen, Pause beenden, wieder in den Sattel und weiter. Noch knapp zwanzig Kilometer. Das Wetter ist herrlich, und die Vespa Primavera 50 fährt sich erstaunlich unkompliziert. Sie liegt stabil auf der Straße, ist komfortabel gefedert und gedämpft, und sie bremst zuverlässig. Nach und nach kommt mir die Idee der "Überführung auf eigenen Rädern" gar nicht mehr so verrückt vor.
Ein kurzer Stopp noch, um in der Redaktion anzurufen, wo man schon gespannt auf ein Lebenszeichen von mir, dem crazy Kollegen, wartet: "Was - du bist schon fast da?! Wir dachten, du brauchst viel länger ...!"
Klar, ich sehe schon das Ulmer Münster mit seinem höchsten Kirchtum der Welt - und es ist ganz nah. Noch ein Rutsch über zwei, drei Dörfer, dann das Ortseingangsschild. Ulm.

Photo: Karin Anne Koch
Photo: Karin Anne Koch

Die nächsten Wochen werden zeigen, wie sich der schnuckelige Roller in jene Rolle einfinden kann, die ihm laut Thema dieser Reportage zukommt. Immerhin steht der Einsatz unter dem Titel "Vespa Business Wheels" - unser Zweirad muss sich als Geschäftsfahrzeug beweisen.

Ob die Vespa "Primavera" das kann werden wir herausfinden.

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