Design meets Precision:                              JUNGHANS "Max Bill Chronoscope"

JUNGHANS "Max Bill Chronoscope" mit weißem und schwarzem Zifferblatt
JUNGHANS "Max Bill Chronoscope" mit weißem und schwarzem Zifferblatt

Aus meiner Kindheit - lange bevor ich begann, mich für Armbanduhren zu interessieren - ist mir die Marke einer Uhr in Erinnerung geblieben, die mein Großvater täglich trug: JUNGHANS.

Jene Uhr an Opas Arm, deren Aussehen ich noch heute vor Augen habe, muss wohl eine "JUNGHANS Meister" aus den 1930er Jahren gewesen sein. 

Heute, eine halbe Ewigkeit später, trage ich selbst oft eine JUNGHANS. Sie führt den würdevollen Namen eines weltberühmten Designers und heißt "Max Bill Chronoscope".

Mittlerweile bestimmt das Thema Mechanische Armbanduhren einen Großteil meines Berufslebens - ich bin Fachjournalist und habe sogar mal eine Diplomarbeit mit dem Titel "Die Marke ROLEX und ihre Bedeutung im internationalen Marketing" verfasst.

Klar, dass ich im Laufe der Jahre etliche Uhren am Handgelenk hatte. Manche davon (meist mechanische Chronographen) gehören bis heute zu meinen Lieblingsuhren.

Zu diesen meinen Uhrenlieblingen zählt die JUNGHANS "Max Bill Chronoscope". Der Name weist darauf hin, dass es sich um einen sogenannten Chronographen handelt, also um eine Uhr, die neben der Uhrzeitanzeige auch über eine Zeitstoppfunktion verfügt. Solche Zusatzfunktionen machen eine Armbanduhr "kompliziert", was in der Uhrenwelt eine Art Adelstitel ist:

Uhren mit mechanischen Komplikationen manifestieren sozusagen die Hohe Schule der Uhrmacherei - sie sind begehrt und nicht selten auch ziemlich teuer.

Für einen Chronographen-Klassiker aus den 1930er/40er Jahren etwa legt ein Sammler (je nach Marke und Herkunft) schon mal ein kleines Vermögen hin, welches locker auch für die Anschaffung eines Nobelsportwagens reichen würde. Gleiches gilt für manchen modernen Chronographen, der heutzutage aus den Ateliers der traditionellen Topmanufakturen auf den Markt gelangt. 

Umso erfreulicher, dass nun eine Uhrenmarke, die seit 1861 existiert (und somit zum absoluten Urgestein der Uhrenhistorie zählt), dem klassischen Chronographen-Outfit eine moderne Interpretation zuteil werden lässt.

Dabei kann sie sich auf die kreative Hinterlassenschaft eines weltbekannten Design-Genies stützen: Max Bill.

Der 1908 in Winterthur/Schweiz geborene Architekt, Maler, Bildhauer und Produktdesigner studierte sein Handwerk u.a. als Bauhaus-Schüler von Walter Gropius und gilt als einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit.

Max Bill war Mitbegründer und erster Rektor der weltberühmten Hochschule für Gestaltung "HfG" (Ulm) - das Hochschulgebäude, in dessen Nachbarschaft sich unser Büro befindet, wurde von ihm entworfen und gestaltet. Hier wirkte Bill als Dozent an der Seite von Designerlegenden wie Otl Aicher, Inge Aicher-Scholl (die ältere Schwester der Geschwister Hans u. Sophie Scholl), Josef Albers, Walter Peterhans oder Johannes Itten.

Bei Bill studiert zu haben war seinerzeit (anfangs der 1960er Jahre) für junge Designer so etwas wie eine Eintrittskarte in die internationale Oberklasse der Produktgestaltung. Das Thema Design gewann damals zunehmend an Bedeutung in der industriellen Fertigung - wer etwas davon verstand hatte gute Karten bei der Berufswahl.

Zur kreativen Hinterlassenschaft von Max Bill gehören u.a. einige faszinierende Uhrenmodelle, die er für JUNGHANS entwickelte. Da ist zum Beispiel die berühmte Max-Bill-Küchenuhr:

Design-Ikone der Fünfziger Jahre: Die weltberühmte Max-Bill-Küchenuhr (Bild: WIKIMEDIA COMMONS/Christos Vittoratos)
Design-Ikone der Fünfziger Jahre: Die weltberühmte Max-Bill-Küchenuhr (Bild: WIKIMEDIA COMMONS/Christos Vittoratos)

JUNGHANS beschloss Anfang der 1950er Jahre, mit dieser Küchenuhr einen absoluten Alltagsgegenstand auf ein Designpodest zu stellen.
Man beauftragt Max Bill - der ist zu dieser Zeit ein internationaler Topstar in Sachen Design und wirkt als Dozent an der Hochschule für Gestaltung (HFG) in Ulm.

Er war ein Schüler von Walter Gropius und ist Weggefährte von Mies van der Rohe und Le Corbusier.

Gemeinsam mit seinen Studenten setzt Bill den Auftrag um und entwickelt die erste aus dem Hause JUNGHANS kommende Design-Küchenuhr. Diese Uhr macht eine fulminante Weltkarriere und gilt bis heute als Design-Ikone.

Die Schramberger Uhrenmarke hält an der Kooperation mit Max Bill fest, der ab 1961 für JUNGHANS auch Armbanduhren entwickelt, die ebenfalls Meilensteine der Designgeschichte werden. 

1972:  JUNGHANS "Astroquartz" - die erste deutsche Quartzuhr
1972: JUNGHANS "Astroquartz" - die erste deutsche Quartzuhr

Die Uhrenmarke musste in ihrer jüngeren Geschichte einige stürmische Zeiten überstehen - wie viele historische Traditionsunternehmen hatte auch die Schramberger Firma mit feindlichen Übernahmen, mit den Auswirkungen der Quarzkrise und mit fremder Einmischung zu kämpfen. Heute blickt JUNGHANS auf eine über 150jährige Geschichte zurück.

Die aktuellen Modelle verkörpern aus meiner Sicht einen gelungenen Transfer von Max Bills Formensprache ins Heute. Soll heißen:

Die Uhren der heutigen JUNGHANS-Max-Bill-Reihe lehnen sich deutlich an die Modelle der 1960er Jahre an und tragen die typische Handschrift des Designers - aber eben auf heutigem Niveau. Symbolträchtig ist dabei die "4" auf dem Zifferblatt, die an einen kopfstehenden Stuhl erinnert und von Puristen als eine Art "visuelles Echtheitszertifikat" gewertet wird. Max Bill führte diese eigenwillige "4" bereits im Verlauf seiner Arbeit für JUNGHANS in den 1950er Jahren ein.

Übrigens will ich hier einmal mit einer Falschinformation aufräumen, die in Kreisen von Designliebhabern ungeprüft kursiert - nämlich die Arbeiten von Max Bill für JUNGHANS in dessen "Bauhaus-Phase" hinein zu interpretieren. Die aktive Ära des Bauhaus (1919 - 1933) war schon ca. 20 Jahre vorüber, als Bill für JUNGHANS arbeitete.

Tatsächlich studierte Bill zwar für kurze Zeit in Dessau am Bauhaus, nämlich von 1927 bis 1928 - ihn aber deswegen grundsätzlich in diese "Ecke" zu stellen wäre unfaire sowie eine unrichtige Reduzierung und kommt der Unterschlagung eines Großteils seines Schaffens gleich. Max-Bill-Design und Bauhaus können durchaus verschiedene Dinge sein.

Auch ich will an dieser Stelle Reduzierungsfehler vermeiden (etwa die JUNGHANS "Max Bill Chronoscope" lediglich als eine Art Design-Reminiszens zu präsentieren), denn mehr als alles Andere ist sie eine durch und durch gelungene Uhr. Das gilt sowohl im optischen- wie im technischen Sinne.

Als Uhren-Enthusiast bevorzuge ich Chronographen - am allerliebsten sind mir solche mit möglichst vielen Funktionen, den schon erwähnten "Komplikationen".

Folgerichtig sind meine Favoriten bei JUNGHANS die "Max Bill Chronoscope" (ein Zwei-Register-Chronograph mit sogenannter Regulator-Anordnung - also die beiden Register senkrecht angelegt) sowie die "Meister Chronoscope", deren Drei-Register-Zifferblatt neben der normalen Uhrzeitanzeige noch über eine Stoppfunktion, Datum und Wochentagsanzeige verfügt(übrigens wahlweise auch mit englischer Wochentagsanzeige erhältlich).

Ob WHITE , ob BLACK - die JUNGHANS "Chronoscope" ist einfach stilsicher.
Ob WHITE , ob BLACK - die JUNGHANS "Chronoscope" ist einfach stilsicher.

 Die Zifferblätter sind in verschiedenen Farben zu bekommen (weiß, grau oder schwarz) - es fällt mir schwer zu sagen, welche Variante mir am besten gefällt. Jede hat etwas für sich. Man sollte sie einfach alle haben. 

JUNGHANS "Meister Chronoscope"
JUNGHANS "Meister Chronoscope"

 

Bei all meiner (berechtigten) Schwärmerei über das Design:

ein Testbericht darf natürlich nicht den Punkt "Funktion" vernachlässigen.

Auf diesem Gebiet hat sich im Themenbereich Mechanische Armbanduhren in der Vergangenheit viel getan.

Die Modelle der verschiedenen Hersteller/Manufakturen wetteiferten um möglichst exakte Gangwerte, die sich idealerweise durch geringe Gangabweichungen auszeichnen sollten.

Präzision war in der mechanischen Uhrmacherei stets ein Thema für sich - hochwertige Uhren wurden nach der Montage von Spezialisten (sogenannte Regulateure) aufwendig manuell einreguliert. Wollte sich eine Armbanduhr offiziell "Chronometer" nennen - was quasi ein anerkannter 'Adelstitel' war - dann durfte deren tägliche Gangabweichung je nach Größe des Uhrwerkes maximal -4 bis +8 Sekunden betragen.

Die Gangwerte aller meiner JUNGHANS-Uhren bewegen sich locker in diesem Rahmen.

Nun zur Funktionalität. Natürlich ein wichtiges Testkriterium. Bezogen auf Uhren geht es dabei um Aspekte wie Tragekomfort, Ablesbarkeit, Gangreserve (also wie lange eine mechanische Uhr läuft ohne neu aufgezogen werden zu müssen), Griffigkeit von Krone und Drückern.

Beginnen wir mit dem Tragekomfort - hier haben die JUNGHANS-Designer meiner Ansicht nach einem wichtigen Aspekt nicht genug Bedeutung beigemessen:

Der Boden des 14,4 mm hohen Gehäuses hat außen einen Durchmesser von 40 mm (ohne Krone), verjüngt sich aber zur Mitte hin stark und hat somit nur eine effektive Auflagefläche von 25 mm am Handgelenk. Das führt zu einem wesentlich punktuelleren Druck und damit zu kleinen, aber spürbaren Unbequemlichkeiten.

Die Seitenansicht zeigt: der Uhrenboden verjüngt sich - dadurch kleinere Auflagefläche
Die Seitenansicht zeigt: der Uhrenboden verjüngt sich - dadurch kleinere Auflagefläche

Positiv: Krone, Drücker sowie die ziemlich scharfkantigen und spitzen Bandanstöße haben genug Abstand zur Haut - da sticht und schneidet absolut nichts. Alles in Allem trägt sich dieser Chronograph durchaus komfortabel.

Schön wäre es, wenn man die Bewegung des Aufzugsrotors (der seine Arbeit übrigens auch nicht gerade geräuschlos verrichtet) nicht so übermäßig spüren würde. Ich saß mal in einer Pressekonferenz und wurde tatsächlich von meinem Sitznachbarn gefragt:

"Ist das deine Uhr, die da so 'rappelt'?"
Es gab schon in den 1930er Jahren Armbanduhren, bei denen der automatische Aufzug unauffällig funktionierte.

Und Pluspunkte? Es gibt viele. Die Aufzugskrone lässt sich auch bei angelegter Uhr prima erreichen und bedienen - aha, jetzt zeigt sich also der Vorteil des hohen Gehäuses und des sich verjüngenden Bodens.

Die Drücker zum Bedienen der Chronographen-Funktionen gehen zwar (gefühlt) etwas schwer, was ich aber letztlich als Vorteil werte, weil dadurch ein versehentliches Auslösen vermieden wird. Sie arbeiten mit einem ziemlich harten Klick - in einem leisen Raum etwas unauffällig mitstoppen geht wohl eher nicht. Als ich zum Beispiel im Tonstudio außerhalb des schalldichten Regieraumes die Aufnahmezeiten kontrollieren wollte, da hörte man das dann beim Abspielen der Takes. Den (zugegeben) besonders empfindlichen Studio-Mikrofonen war die Klickerei nicht entgangen. Trotzdem: Präzise Bedienung macht den Pluspunkt. 

Ganz klar gehört die Optik zu den Vorzügen dieser JUNGHANS. Sie ist einfach schön und schafft auf geniale Weise die Gratwanderung zwischen Schlicht, Sportlich und Elegant. Mit dieser Uhr am Arm kann ich mich beim Renn-Event sowohl in der Boxengasse beim Mechanikerteam wie auch in der VIP-Lounge sehen lassen.

 

Ich kann mir deshalb durchaus vorstellen, dass Namensgeber Max Bill zufrieden mit dieser gelungenen Interpretation seines Werkes wäre.

Mein Fazit:
Die JUNGHANS "Max Bill Chronoscope" ist ... sie ist ... ich suche nach einer Möglichkeit, diese Uhr mit einem einzigen Wort zu beschreiben...
Jetzt habe ich's - diese Uhr ist einfach ästhetisch. Punkt.

Original-Signatur von Max Bill
Original-Signatur von Max Bill