BOWERS & WILKINS "CM9"                                                  Präzise und Klangrein

Hervorragend: Bowers & Wilkins CM9
Hervorragend: Bowers & Wilkins CM9

Ich gebe es gleich am Anfang zu: früher bevorzugte ich Lautsprecher-Boxen, die richtig fett auftragen konnten. Mit "früher" meine ich eine Zeit, die locker 20 Jahre zurückliegt. Meine Soundsysteme mussten damals vorwiegend mit elektronisch verzerrten Gitarrenriffs, Synthesizern, endlosen Drumsoli sowie mit den stählernen Stimmbändern diverser Rockröhren klarkommen. Lautsprecher mussten vor allem entsprechend der ersten Silbe des Wortes performen: Laut. 

Diese Situation änderte sich, als mir der Sänger einer Band, mit der ich damals oft unterwegs war, die LP "Killing me softly with this song" von Roberta Flack vorspielte (Atlantic Records, 1973). Zwei wesentliche Punkte führten damals bei mir zu einer Geschmackswende:
Erstens konnte diese (mir bis dahin noch unbekannte) Interpretin auch leise singen - was mir gefiel; gleiches galt für den begleitenden Chor. Zweitens brachten die Lautsprecher der hochwertigen Stereoanlage, auf der ich die Scheibe erstmals hörte, jedes noch so kleine akustische Detail zur Geltung. Als säße ich in einem Konzertsaal. Zimbeln, Glöckchen, dezente Rasseln - selbst die allerraffiniertesten Facetten der unaufdringlich gespielten Percussions existierten gleichberechtigt neben der trockenen Bassdrum, die weder rumpelte noch anderswie krampfhaft um rhythmische Übermacht kämpfte. Alles klang feierlich zurückhaltend - und wirkte gerade deshalb so stark.
Später kamen mir Veröffentlichungen desselben Songs waren zu Ohren, die man ganz offensichtlich anders abgemischt hatte. Unschön bollernde Drums earen nun das dominierende Element. Der ursprünglich sanfte Sound-Teppich des Background-Chores schmetterte plötzlich forciert "black" - von diesen Versionen rede ich hier nicht.

Wahrscheinlich hat dieses musikalische Schlüsselerlebnis meine Hörgewohnheiten geprägt. Später, während meiner Arbeit als Produzent, fand ich mich in den besten Tonstudios der internationalen Szene wieder - da lagen hinter mir schon etliche Erfahrungen in den Hörsälen von renommierten Musikschulen und Konservatorien.

Regieraum im TOM TOM Studio (Budapest) - eines der weltbesten Tonstudios
Regieraum im TOM TOM Studio (Budapest) - eines der weltbesten Tonstudios

Immer hielt sich in meinen Ohren jene bereits erwähnte Version von "Killing me softly" als eine Art Sound-Referenz. Und nach wie vor faszinieren mich die leisen Passagen mit ihren fast versteckten Tönen und Nuancen, von denen ich mitllerweile aus eigener Erfahrung weiß, dass gerade an ihnen die Soundingenieure der Tonstudios besonders akribisch feilen.

Nicht zuletzt bei der Auswahl und bei der akustischen Beurteilung von Soundsystemen (insbesondere Lautsprecherboxen) profitiere ich natürlich von meinem gut geschulten Gehör und kann im Hörraum recht gut "die Spreu vom Weizen trennen".
Ich erkenne Blender, die mit aufgeblasenen Bässen Volumen vortäuschen wollen; ich weiß vielmehr eine naturnahe Wiedergabe zu schätzen, die meinen Hörraum nicht krampfhaft in eine Kathedrale oder gar in ein Stadion verwandeln will. Realitätsnahe Wiedergabe ist für mich die hauptsächliche Maxime.

Meine Suche nach einem möglichst ehrlichen Klang in den eigenen vier Wänden erstreckte sich mit den Jahren über die unterschiedlichsten Stationen. Lautsprecher-Boliden wie die legendären "Infinity Kappa 9" konkurrierten von den Abmessungen her locker mit Kleiderschränken und ließen jeden normal dimensionierten Raum optisch schrumpfen.
Die eher schmalbrüstigen "Audioplan Kontrapunkt" dagegen versteckten sich mit ihrer zurückhaltenden Optik förmlich zwischen den Möbeln - und gehören dennoch bis zum heutigen Tag zum Besten, was ich je gehört habe.
KEF, MISSION, QUAD, DYNAUDIO, CANTON, LINN, BOSE, BANG & OLUFSEN, MB QUART, Martin Logan - viele Klangwandler der Oberklasse performten im Laufe der Zeit vor meinen verwöhnten Ohren.

Irgendwann dann, es ist noch nicht allzu lange her, konfrontierte mich der Händler meines Vertrauens mit den Bowers & Wilkins CM9. Ich trug ihm meine Anforderungen für den Klang in meinem Arbeitszimmer vor:
Die Schallwandler sollten sowohl den Ansprüchen von Klassik, Jazz, Rock und Pop gerecht werden. Meine Ausgabequellen sind sowohl analog als auch digital; verstärkt u.a von verschiedenen ARCAM-Komponenten.
Er überlegte nicht lange - schnell wurden die CM9 im Hörraum aufgestellt und mit meinen mitgebrachten Vinylplatten und CDs zum Klingen gebracht.

Ich muss zugeben: erstmal war ich enttäuscht. Der Sound kam mir - na ja - irgendwie gewöhnlich vor. Es fehlte Pep. Nichts, was die gern von Journalisten verwendeten Adjektive "knackig", "lebendig" oder "dynamisch" hätte bedienen können. Stattdessen meinte ich, ein seltsam unausgewogenes, sprödes  und dabei leicht schwächelndes Klangbild wahrzunehmen.
Meine Augen und Ohren begannen, nach möglichen Ursachen für die enttäuschende Performance Ausschau zu halten. Immerhin war ich wieder einmal spontan ohne Verabredung im Shop erschienen, weshalb keiner der üblichen Hörräume frei war. Um meiner Eile gerecht zu werden (ich wollte keinen anderen Termin, sondern heute zum Abschluss kommen) musste ich einem Kompromiss zustimmen: zum Testhören wurden die Boxen in einem Ausstellungsraum mit langer Glasfront und einer nackten Ziegelwand aufgebaut. Optisch ein Genuss, aber weit jenseits annehmbarer Akustik. Ich musste einsehen, was von vornherein klar war: so hatte die Sache keinen Sinn.

Wie wird eine solche Situation in einem kompetenten Fachgeschäft für einen guten Kunden gelöst? "Ich lasse euch nach Feierabend gern die Teile nachhause bringen - behaltet sie übers Wochenende. Mal sehen, ob ihr nicht doch Freunde werdet." Gesagt - getan. Zwei Stunden später standen die CM9 bei uns und konnten optimal positioniert werden.

Nun waren sie mir ausgeliefert - ich beschloss, ihnen gleich zu Beginn ordentlich auf den Zahn zu fühlen und fütterte sie mit dem Album "Diamond Life" von Sade (Epic Rec.1984).
Die Musik ist ausgesprochen detailreich, die Stimme der nigerianisch-britischen Sängerin Sade Adu schwebt verträumt über einem Teppich von souljazzigem Mitternachtscocktail-Feeling, und meine Ohren verlieren sich zuweilen im Zischeln und Zimbeln dezenter Percussions, die mit dem glücklicherweise unaufgeregt-dezenten Saxophon und einer cool gejazzten Trompete flirten. Sophisticated Pop, der einen Lautsprecher ganz schön fordert - gerade weil er leise und dezent daherkommt.

Ich bekomme Lust auf das "andere Ende der Fahnenstange" - sowohl von der Stilrichtung her als auch vom Charakter der Instrumentierung - und gebe Wynton Marsalis die Erlaubnis zu festlichen Barock-Trompetenklängen. Das nächste Haus steht weit genug entfernt auf dem Nachbargrundstück, und so kann ich mir erlauben, "In Gabriels Garden" bei gebührender Lautstärke abzuspielen.

Die Kevlarmembranen der BOWERS & WILKINS CM9 scheinen plötzlich aus bestem Instrumentenblech zu bestehen - selten habe ich die strahlenden Trompeten so glänzend und brillant gehört. Es würde mich nicht wundern, wenn zu "The Prince Of Denmark's March" seine Majestät persönlich in mein Wohnzimmer marschiert käme, so triumphal ist die Stimmung auf einmal.

 

Wynton Marsalis (Bild: Wynton Marsalis.org)
Wynton Marsalis (Bild: Wynton Marsalis.org)

Weiter mit Klassik: diesmal Giuseppe Torelli. Am Ende des 3. Adagio steht der letzte Ton so messerscharf und glasklar im Raum, als käme er aus dem originalen Instrument und nicht von einer "Konserve". Ich bin platt. Diese Boxen gehen ganz sicher nicht zurück in den Laden.

Sie mit dem warmen Sound von Holz und Violinensaiten zu konfrontieren lege ich in die Hände von David Garrett.
Wie wird die Violine in der "Carmen Fantasie" von Georges Bizet klingen? Garrett hat sich hierbei als Verstärkung den spanischen Flamenco-Gitarristen Paco Pena an seine Seite geholt - für meine Hörprobe eine willkommene Erweiterung des instrumentalen Spektrums. Es klingt hervorragend, trotzdem verlasse ich dieses Stück recht bald wieder - nach den einführenden Takten trommeln sich Schlaginstrumente in den akustischen Vordergrund, was im Moment nicht recht zu meinem Test-Vorhaben passt.

Die darauf folgende Garrett-Interpretation von "Nothing Else Matters" der Heavy-Metal-Band "Metallica" überspringe ich ebenfalls und gelange zum "Csardas Gypsy Dance" von Vittorio Monti. Es wird so richtig schön ungarisch, und David Garrett bringt mir für einen Moment die Romantik der Puszta ins Haus.
Die Violine klingt wie sie soll, gleiches tun auch die Saiten im folgenden Stück "Duelling Banjos". Tänzerisch hüpfend kommt Stimmung auf wie in einem Western-Saloon. Auch in dieser Disziplin erweisen sich die BOWERS & WILKINS CM9 als kompetente Klangwandler. Bravo!

Das letzte Wort in meinem kleinen Test soll niemand Geringerem als dem "King" zukommen. Bühne frei, Elvis!
Gleich im ersten Song beeindruckt besonders der absolut natürliche Sound des Kontrabasses, der weich und sanft den Wohnzimmerboden zum Schwingen bringt. Die Musik geht direkt in den Bauch wie ein milder, raffinierter Rotwein.

Bei "Love Me Tender" ahne ich förmlich, wie der warme Atem des Kings am Mikrofon entlangstreift. Song für Song höre ich die wohlbekannten Stücke in durchweg feinster Qualität. Obwohl diese Aufnahmen schon so alt sind: ihr Sound ist sensationell und macht es den Lautsprechern leicht, auch hier eine gute Figur abzugeben.

Richtig interessant wird es in Track 12 (Now And Then There's A Fool Such As I): die berühmte Bass-Stimme von Ray Walker lässt sämtliche Möbel im Raum angenehm vibrieren und liefert letztendlich den Beweis, dass die beiden Bass-Chassis verbunden mit der nach hinten versetzten Bassreflex-Öffnung ganze Arbeit leisten.

Die Basswiedergabe ist ausgesprochen harmonisch - allerdings sollte man sich in diesem Zusammenhang ausreichend Zeit nehmen, mit der Aufstellung der Boxen zu experimentieren.

Es kann einige Zeit und mehrere Versuche brauchen, bis die optimale Kombination aus Raumposition und Entfernung zur Wand gefunden ist. Hat man diese aber dann gefunden, ist ein phantastisches Klangbild die Belohnung.