DALI Oberon 1                                           Kleine Helden mit großem Klang

Es sind mit Sicherheit die kleinsten Boxen, die wir sowohl in den Jahren unserer fachjournalistischen Arbeit als auch im privaten Sound-Umfeld zu Gesicht und zu Gehör bekommen haben.

Ihre Bassreflex-Gehäuse mit den Abmessungen Höhe 274 mm, Breite 162 mm, Tiefe 234 mm rangieren nahe der Niedlichkeitsgrenze und erinnern an handels-übliche Starenkästen. Kein Wunder also, dass wir sie beim Abschreiten der Boxen- front im Hörstudio unseres Fachhändlers zunächst schlichtweg übersehen haben. Derartige Boxen-Winzlinge lagen bisher einfach unterhalb unseres Wahrnehmungs - Radars. Den Namen des sagenhaften Zwerges "Oberon" hat man offensichtlich mit Bedacht gewählt.

Design und Sound Made in Denmark

Der Name des Herstellers erregte allerdings sofort unsere Aufmerksamkeit, ist er doch alles andere als klein: DALI. Was nicht auf den spanischen Künstler Salvador Dalí hinweist, sondern für "Danish Audiophile Loudspeaker Industries" steht. Aha. Dänemark. Bekannt als Wiege zahlreicher internationaler Stil-Ikonen. Namen von international geschätzten dänischen Designern poppen in meinem Gedächtnis auf: Øivind Slaatto, Poul Henningsen, Verner Panton, Nanna Ditzel, Kaspar Salto, Arne Jacobsen, Hans J. Wegner, Herbert Krenchel ...

Auch dänische Hifi-Hersteller brachten es bekanntlich zu Weltruhm - DYNAUDIO, JAMO, GRYPHON, AUDIOVECTOR, LYNGDORF, Gato Audio, Densen und natür- lich Bang & Olufsen. Um nur einige zu nennen.

Liebe zur Musik - Präzision und Klarheit inklusive

Ich nehme es gleich vorweg: Von Anfang an hörten wir aus diesen DALI Oberon 1 etwas heraus, das sich nicht nur mit rein akustik-technischen Maßstäben definieren lässt. Im Verlauf zahlreicher DALI-Hörerlebnisse bekamen wir zunehmend immer deutlicher eine Ahnung, was unsere Ohren da wahrnahmen. Es konnte sich nur um einen Ausdruck von Liebe zur Musik handeln, den die Entwickler in diese Boxen-zwerge implantiert haben. Harmonie. Große Bandbreite. Vielseitigkeit. Trotzdem Präzision. Beschwingt wie ein Wiener Walzer, traurig wie die Seele des bluesigsten Blues; frisch wie der Morgen an einem Gebirgssee, heiß und anregend wie guter Espresso im Bistro einer italienischen Piazza. Klingt schwärmerisch? Ist aber wahr.

Manche Leser dieses Berichtes mögen sich angesichts unserer Photos vielleicht fragen: "Wenn ihr doch so schwärmt, warum landen dann diese Lautsprecherboxen nur neben euren Bildschirmen?"

Ganz einfach: Das einschränkende Wörtchen "nur" ist hier fehl am Platz. Erstens sind unsere Apple-iMacs mit hervorragenden Soundcards ausgerüstet. Zweitens sind diese Rechner mit professioneller Software für Production und Cut unserer Reportage-, Film- sowie Musikprojekte bestückt. Und schließlich: Alle in unseren Testberichten verwendeten musikelektronischen Quellen münden in hochwertige Wandler- und Verstärkertechnik von ARCAM. Das gilt selbstverständlich auch für die Audio-Ausgabe unserer Macs.

Übrigens speisen wir den überwiegenden Teil der Test-Sessions sowohl aus CD- wie aus Vinyl -Material. Letzteres performt über Laufwerke von Pro-Ject (Ortofon-Tonabnehmer), die mittels eines Pre-Amplifier der Marke NAD vorverstärkt werden.

Momente der akustischen Wahrheit

Genug der einleitenden Worte - let's start the testing. Traditionell nehmen wir die Auswahl der eröffnenden Test-Interpreten nicht auf die leichte Schulter. Die Wahl fällt heute auf Bob Dylan und "The Times They Are A-Changin' ". Nur selten klang Dylans minimalistisch gespielte Akustik-Gitarre so farbig. Die Stimmzungen der dylanistisch-simpel eingesetzten Blues Harp vibrieren gewollt spröde. Der Meister singt wie nur einer singen kann, dem es nie darum ging wie ein Meister zu klingen. Ganz sicher lag dem Song-Genie Bob Dylan solch ungeschminkter Klang im Sinn, als er den Song einspielte. Und womöglich hätten ihm die DALI Oberon 1 gefallen, weil sie nichts dazumogeln und nichts weglassen. Für mich liefern diese Boxen den Beweis, dass "Ehrlicher Sound" keine Verkaufsfloskel sein muss. Und dass es auch ohne klangliche Effekthascherei geht.

Ein Dylan-Song gefällt mir besonders, weil er eine progressiv - ausschreitende Rhythmik provoziert. Wer bei "Maggie's Farm" seine Hände und Füße still halten kann mag das tun - mir gelingt es nicht. Forschungen haben ergeben: Musik und Bewegung stehen in einem wissenschaftlich bewiesenem Zusammenhang - dieses Stück könnte als praktischer Beweis dafür gelten. Dass seine musikalische Vielfalt nicht zu kurz kommt, dafür sorgen die DALI Oberon 1: es gitarrt, basst und drummt und zimbelt, hier und da zerschnitten von kurzen Blues-Harp-Riffs. Dylans Vocals müssen sich da schon mit etwas mehr Power als sonst über Wasser halten - sie bleiben aber immer noch unangestrengt.

Kompakt und kraftvoll

Dass diese Boxen trotz ihrer Kompaktheit so vielseitig und ja: so kraftvoll agieren können zeugt von großer akustischer Ingenieurleistung. Ich beschließe, sie einer kniffligen Probe zu unterziehen. Blues meets Jazz - Eric Clapton & Wynton Marsalis mit ihrem gemeinsamen Album "play the blues" sollen mir helfen, meinen kleinen Oberons auf den musikalischen Zahn zu fühlen. Ziemlich gewagt, denn Marsalis' virtuose Trompete hat in vorherigen Tests schon so manches Boxenpaar aus der Oberklasse an seine Grenzen gespielt. Ich bin gespannt.

Den musikalischen Startschuss geben Marsalis & Clapton in meiner Hörtest-Session mit "Careless Love", ursprünglich ein Blues-Standard von 1926 (damals veröffentlicht vom amerikanischen Bandleader, Blueskomponisten und Trompeter W.C.Handy) . Der Song startet furios mit einem Gewusel aus Bläsern aller Couleur, die zunächst scheinbar unsortiert aufspielen, sich dann aber hinter den Vocals von Eric Clapton einsortieren. Wäre dies ein Blindtest, ich wäre nie darauf gekommen, dass hier ein Pärchen kleiner Regalboxen aufspielt. Claptons Gesang ist forciert, als befände sich der heutzutage durchaus auch für sanfte Töne bekannte Sänger in einer wüsten Battle mit allen Blasinstrumenten und Drums der Welt.

Mich zieht es zu sanfteren Tönen und ich switche zu Track Nummer 7: hier erwartet mich die Interpretation eines Clapton-Klassikers. "Layla" im neuen musikalischen Gewand - so traurig als würde der Song nur aus Tränen bestehen. Ich habe eine Menge Zeit im Hörsaal verschiedener Konservatorien-, in diversen Tonstudios und natürlich in Konzertsälen zugebracht. Und dennoch habe ich Musik des U-Genres selten so ergreifend erlebt. Und noch seltener einen Blues-Song, der so vielschich- tig und durchweg homogen instrumentiert daherkommt.

Ich finde es ist nun an der Zeit zu klären, wo eigentlich die niedliche DALI Oberon ihr Volumen herholt?

Der relativ kleine Tiefmitteltöner (nur 5 1⁄4'') profitiert in Sachen kompetenter Bass- leistung von einer genialen Idee: der innovative Hersteller bestückt ihn mit - Zitat - "Holzfasermembranen". Hergestellt aus einem durch Beigabe von Holzfasern ver- stärkten Papierbrei sorgt deren steife, leichtgewichtige Struktur für exzellente akus- tische Eigenschaften. Die Sicken und Zentrierspinnen agieren besonders verlust- arm, und im Verbund mit Konusmembranen gelingt die Wiedergabe selbst feinster Klangdetails auf überaus präzise Weise. Das Resultat wird beim Hören deutlich: Maximale Detailfreude bei gesteigerter Dynamic.

Patentiertes Magnetsystem SMC

DALI setzt auch bei der "Oberon 1" auf das in den großen Boxenserien bewährte Magnetsystem SMC (Soft Magnetic Compound). Dieses sorgt für ein kostanteres Flussfeld, wirkt Wirbelströmen, Hysterese (Geschwindigkeitsunterschied zwischen Magnetisierung u. Demagnetisierung), Verzerrungen und klanglichen Verfärbungen entgegen.

"Insbesondere die Marketing-Trommel ist deutlich hörbar!" ging es mir durch den Kopf, als der Verkäufer seine verbalen Verkaufshilfen vortrug - im Grunde klangen sie wie Zitate aus dem Werbematerial. Ich hielt ein gewisses Maß an Skepsis für angebracht. In Sachen Hifi bzw. High End vertraue ich doch lieber meinen eigenen Ohren, die über die Jahre in den Hörsälen von Konservatorien und während meiner Studio-Produktionen recht ordentlich ausgebildet worden sind. Ich packte ein Paar DALI Oberon 1 in den Kofferraum, und ein Stündchen später musizierten sie eifrig in meinen vier Wänden.

Membran mit Holzanteil

Beim ersten Hören fing ich schon an, den Verkäufer innerlich um Verzeihung zu bitten. Vor allem wegen meiner Skepsis bezüglich der Holzeinlagerungen in den Tiefmitteltönern. Man kann es tatsächlich hören. Kein Voodoo. Was aus akustik-physikalischer Sicht auch nachvollziehbar ist: Holz verfügt nunmal unbestritten über hervorragende Klang-Eigenschaften. Warum sonst spielen Musiker bis zum heuti- gen Tag auf Violinen oder Gitarren aus Holz? Man hat manches probiert, bis hin zu Saiteninstrumenten aus Plastik, Keramik und sogar aus Metall. Alles umsonst. Am Schwingverhalten von Holz kommt in Sachen Musikakustik einfach nichts vorbei. Dass dies für die Klangkörper von Musikinstrumenten gilt ist unbetritten - warum sollte man sich diese Erkenntnis also nicht auch für Membranen von Lautsprecher- boxen zunutze machen?

Magnetantrieb kontra Wirbelstrom

Sinn machen für mich auch die Erläuterungen von DALI zum exclusiv patentierten SMC-Magnetantrieb, den ich bereits erwähnt habe. Übliche Magnetantriebe haben bekanntlich mit einem gravierenden Nachteil zu kämpfen: die in Bewegung versetz- te Schwingspule ruft im Magneten einen störenden, Verzerrungen begünstigenden Wirbelstrom hervor. Diesem Phänomen rückt DALI mit dem patentierten "SMC Soft Magnetic Compound" aus gesintertem magnetischen Pulver zuleibe. Die winzigen magnetischen Teilchen sind elektrisch voneinander isoliert. Aus ist es mit stören- dem Wirbelstrom. Aus mit Verzerrungen. DALI spendiert mittlerweile diese früher nur den Topmodellen vorbehaltene Technik auch der preislich erschwinglicheren Oberon-Serie.

Schön und gut und kompetent

Bei allem Minimalismus, den die kompakten DALI Oberon 1 naturgemäß ausstrah- len: Optisch kommen sie wie aus dem Ei gepellt daher. Wertiges Vinylfurnier, ele- gante Gehäuse-Geometrie. Frontgitter mit apartem, grob gewebten Stoff bespannt, den man sich so ähnlich auch an den Modellen einer Haute-Couture-Fashionshow vorstellen könnte. Stylish und mit einem unverkennbaren Hauch von Luxus. Enfernt man die abnehmbaren Textil - Cover, dann präsentieren sich die Boxen in einem Look, der sowohl die audiotechnische Kompetenz als auch eine wohlüberlegte (ans Bauhaus-Design erinnernde) Gestaltung artikuliert. 

Die technische Kompetenz wird optisch durch die mattschwarzen Imbusschrauben der Chassis unterstrichen, die auf ausgewogene Weise mit den hellgrau - metallic  beschichteten Einfassungen der Hoch- und Tiefmitteltöner korrespondieren. Je nach Lichteinfall vermeint man, in der Beschichtung das dezente Funkeln winziger Diamantpartikel wahrzunehmen. Wo sonst trifft man bei Boxen dieser moderaten Preisklasse eine derartig wertige Ausführung?

Schön und gut: Die DALI Oberon 1-Boxen machen also optisch eine Menge her. Ihr Haupt-Job sollte sich jedoch vor allem in klanglicher Hinsicht abspielen. Wie schaut es damit aus? Wir setzen den bereits begonnen Hörtest fort. Unsere Begeisterung wächst dabei von Track zu Track.

Der Klang, den diese Boxen produzieren überrascht zuweilen bis zum erstaunten "Mundoffenstehen". Man mag ja von Blindtests halten was man will (ich halte übri- gens nicht allzu viel davon): in diesem Falle verspricht es wirklich Spaß, einem audiopihl geprägten Musikfreund die Oberon 1 zunächst bei geschlossenen Augen vorzuführen. Ihn dann diese Boxen erblicken zu lassen und auf seinen Gesichts- ausdruck zu achten. Es könnte gut sein, dass er sich suchend umschaut, um die "wahren" Lautsprecher in einem imaginären Versteck zu entdecken ...

Ein weiterer musikalischer Testkandidat nimmt den Weg ins CD-Laufwerk: John Fogerty mit seinem 9. Studio-Soloalbum "Wrote a Song for Everyone" (Vanguard Records/May 2013). 

Track Nummer 2 heißt "Almost Saturday Night" und wurde mit Unterstützung des australischen Sängers, Songwriters und Gitarristen Keith Urban eigespielt. Es gibt ein kurzes Intro per Banjo, dann gesellt sich eine trocken - stampfende Bassdrum hinzu. Snare, Becken, schließlich der Bass und alle anderen Instrumente. Fröhlich tanzender Countrysound umrahmt den beinahe tenorhaften Gesang. Diese Art von klanglichen Gegensätzen sind für eine Lautsprecherbox normalerweise nicht eben easy darzustellen - die Oberon 1 haben damit überhaupt kein Problem.

Selbst die dezent hinterm Soundhorizont agierende Hammond-Orgel ist uneinge- schränkt wahrnehmbar.

Als bei 1:34 eine muntere Steelguitar auf sich aufmerksam macht, wird eine schöne Eigenschaft dieser Boxen deutlich: sie bilden die im Studio arrangierten Positionen der einzelnen Instrumente hervorragend ab. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie akribisch die Musiker, Producer und Sound-Engineers am finalen Mix einer Studio- produktion feilen. Nicht zuletzt deshalb kann ich mich in diesem Hörmoment über den Abbildungs-Character DALI Oberon 1 besonders freuen. 

Mit Track 3 kreuzt ein alter Bekannter unseren Gehörgang: "Lodi" ist ein CCR-Song von 1969 - jetzt von John Fogerty interpretiert - mit der Unterstützung seiner Söhne Shane und Tyler. Dynamische Gitarrenriffs stehen selbstbewusst und im Raum. Ein dezentes Honkytonk-Klavier kontrastiert reizvoll zum Fender-Piano. Bei 2:08 startet ein bluesig angehauchtes Gitarrensolo, geht dann in die nächste Gesangssequenz über. Alles klingt sauber und "dirty" zugleich - passend zu den Lyrics dieses Songs.

Bewegte Tasten: Die Pianosound-Challenge

Bühne frei für eine ultimative Pianosound-Probe. Wohl kein anderes Instrument vereint in sich eine derartige Klangvielfalt. Wenn man es genau nimmt ist jede der etwa 230 Saiten ein Instrument für sich. In der Diskant- und Mittellage bilden je- weils drei Saiten einen sog. "Saitenchor" - im Bassbereich agieren pro Ton zwei oder drei drahtumwickelte Saiten. Etliche Parameter sind für den Klang einer Saite relevant, etwa ihre Spannung, die Länge und die Stärke.

Wieviel uns die DALI Oberon 1 von der Komplexität des Pianosounds nahebringen können soll uns von Keith Jarrett im Trio mit Gary Peacock (Double Bass) und Jack DeJohnette (Drums) demonstriert werden. Wir tauchen ein in das berühmte Tokyo '96-Konzert.

Track1: "It Could Happen to You". Mit einer für mich überraschenden Erfahrung - ich habe das Stück schon aus diversen Soundsystemen gehört. Aber erst jetzt nehmen meine Ohren wirklich deutlich wahr, wie früh das dezente Schlagzeug ein- setzt (genau bei 2:00). Akrobatisch wie trockenes Laub im Herbst tänzeln die Jazz- besen über die Felle, dass ich glaube jeden einzelnen ihrer Drahtstränge heraus- hören zu können. Sie streifen die Becken mal flüchtig - mal akzentuiert, während der sonore Bass wie ein Jogger vorwärts durch das Stück strebt. Das ist großes "Kino" für die Ohren!

Track 2 "Never Let Me Go" bestätigt den Eindruck klanglicher Feinschmeckerei erneut am Beispiel der Drums, die sich wie sanft raschelndes Seidenpapier präsen-tieren. Das Piano glänzt dazu mit reinsten Glockentönen, die Tasten gefühlvoll und doch voller Energie angeschlagen. Hier und da kommt einem der Bass vor wie ein liebender Bärenvater, der aus dem Hintergrund mit anerkennenden Brummtönen zustimmt.

Ich denke an das, was mir ein bekannter Musikprofessor einst auf den Weg mitgab: "Musik ist die Fähigkeit, durch das Erzeugen von Tönen in uns Gefühle wie Freude oder Trauer zu wecken." In diesem Hörmoment würde ich das unterschreiben. Und ganz nebenbei - diese Aufnahmen sind ein perfektes Lehrbeispiel für die besonde- re Interpretationsweise eines Trios: Interaktionen zwischen dem "Pro-Interpreten", dem "Kontra-Interpreten" und dem "Mittelsmann" sind hier deutlich nachvollziehbar. Mein Fazit zur Piano-Challenge der DALI Oberon 1: Rundum positiv. Anflüge von Begeisterung inklusive.

Coming up soon:  Part Two Test-Report DALI "Oberon 1" ...