ARCAM "Solo Mini"               Manchmal darf es auch eine Nummer kleiner sein

Mit Grausen denke ich zurück an eine Zeit (Mitte der 1980er), als meine Stereo-Komponenten größer als Möbel- und schwerer als ein Amboss waren. Allein schon die Lautsprecher "Infinity Kappa 9" brachten satte 70 kg auf die Waage - pro Stück!

Für ihren Antrieb sorgte das Verstärker-Ungetüm "Emitter 2" von ASR Schäfer, und dieses Teil wog inklusive aller Komponenten nochmal über 130 Kilo. Der Neupreis hätte durchaus für ein sehr ordentliches Auto gereicht.
Ja - erlesene Klangqualität hatte ihren Preis (Infinity-Kappa-9-Boxen damals 8.000,- DM pro Stück), aber auch ihr Gewicht.

Wiegt inkl. aller Komponenten über 130 Kilo: High-End-Monster "Emitter II"
Wiegt inkl. aller Komponenten über 130 Kilo: High-End-Monster "Emitter II"

Was man für derlei Großinvestitionen bekam? Einen Klang im Wohnzimmer, wie ich ihn sonst nur aus dem Hörsaal von Musikhochschulen kenne - und besser als dort geht es in der Regel kaum. Das war die Leistung, und das war der Preis.
Meine Leidenschaft für besten Klang in den heimischen vier Wänden ist bis heute geblieben. Die Preise, um dies möglich zu machen, glücklicherweise nicht. Heutzutage geht es einige Nummern kleiner und preiswerter, wenn man sich mit offenen Augen und Ohren umschaut.
Dazu ergab sich die Notwendigkeit, als wir in unser neues Haus umzogen. Andere Räume, andere Fußöden, kurzum: andere Klangvoraussetzungen.

Also zogen wir nach längerer Zeit akustischer Zufriedenheit mal wieder los in die Hörstudios der Oberklasse. Ich muss voranschicken: wir sind keine einfachen Kunden. Beide verfügen wir über musikalisch geschulte Ohren. Ich war etlichee Jahre im Profi-Musikbusiness unterwegs - als Produzent und Journalist.

Meine Frau singt auf gehobenem Chorniveau singt und kann Klavier spielen. Nach verschiedenen Pannen - selbsternannte Klangspezialisten mit Seidenschal, Wallehaar und Snobgehabe bewegten sich in den Ladenausstellungen, als wären sie auf einer Konzertbühne der Salzburger Festspiele - landeten wir in dem Geschäft, das seither der Shop unserer Wahl ist. Die Tatsache, dass wir mit Stapeln von Vinylplatten und audiophilen CD's bepackt dort ankamen, wurde vom Personal begrüßt.

In einem kurzen Gespräch stellten wir unsere Bedürfnisse klar:
Es geht ums Wohnzimmer, dessen Marmor bestimmt für lästige Bodenreflexionen sorgen würde; und ums Schlafzimmer, welches eigentlich ein bisschen zu klein ist für satte Klangerlebnisse.
Ob wir noch anderweitige Besorgungen zu erledigen hätten? Man würde dann in einem der Hörräume verschiedene Systeme für uns aufbauen, damit wir ausgiebig testen können. Wollen wir uns in einer Stunde wiedersehen? Gut, so machen wir es.

Dann ging es los. Wir hörten dies und probierten das, mal analog, mal digital. Schnell sortierten wir aus, was jenseits der engeren Wahl lief.
Ganz nebenbei: in der Second-Hand-Abteilung entdeckte ich ein paar AUDIOPLAN "Kontrapunkt" - für mich immer noch ein akustischer Leckerbissen. Leider stammten sie aus einem Raucherhaushalt, weshalb ich der Versuchung leicht widerstehen konnte.
So saßen wir also und lauschten den bekannten Klängen aus neuen, unbekannten Sound-Komponenten. Was soll im neuen Wohnzimmer seinen musikalischen Dienst antreten?
Ein wenig arrogant streiften zwischendurch meine Blicke immer wieder ein kleines silbernes Ding inmitten der teilweise imposant dimensionierten Verstärker. Nicht größer, aber wesentlich flacher als ein Karton für Herrenschuhe. Display vorn, am oberen Gehäuserand 9 zierliche Tasten. Kühlschlitze oben und an der Seite. Mattsilber. Ein Spalt für CDs.

Was das da denn wäre, fragte ich den Verkäufer. "Ja genau" antwortete der, "das wollte ich Ihnen am Rande einmal vorschlagen ..."  Ich verfiel augenblicklich in den Kontermodus: "Ich denke eher nicht an etwas Kompaktes ...".

Geben sie dem ARCAM Solo Mini mal eine Chance - es ist nicht, wonach es auf den ersten Blick aussieht, kam die Antwort. Also gut. Aber wird der Winzling mit unseren Lautsprechern der größeren Sorte aus dem Hause Bowers & Wilkins zurechtkommen? "Die habe ich Ihnen bereitgestellt - probieren wir es aus" so der Verkäufer.

Gesagt, getan. Wir hörten uns durch die mitgebrachten Tonträger. Teils CD, teils Vinyl. Begannen mit Klassik. Trompete, denn beim Blech trennt sich bekanntlich die akustische Spreu vom Weizen. Haydn, Mozart, Torelli. Sehr schön, sehr ehrlich und ohne künstliche Effekthascherei rieselte die Musik in unsere Ohren. Nichts fehlte und nichts war zuviel. Ein weiteres Vorurteil aus alten Tagen verabschiedete sich aus meinem Kopf: "Die britischen Teile klingen alle etwas spröde - das ist so deren Charakter." Unsinn. Ganz offensichtlich sind diese Schubladenzeiten vorbei. Denn hier klang alles warm, voll und dynamisch.

Wie würden sich Oper und Operette anhören? Wieder ein Treffer: die unaufdringliche Stimme von Erna Sack blieb zart wie von einem anderen Stern. Fritz Wunderlich klang als sänge er im selben Raum. Und auch das Orchester war mit uns im Zimmer.

Dann zum Jazz - auch Chet Baker, Wynton Marsalis und Paul Kuhn samt Big Band schmeichelten unseren Ohren. Weiter mit Folk, Blues und Country. Wir hörten förmlich die Schweißtropfen von B.B.King auf den Gitarrenbody tropfen. Johnny Cash sprach (er singt ja nicht wirklich), als stünde er neben uns. Und Bob Dylan schnodderte faul näselnd gegen das zarte Organ von Joan Baez an. Als schließlich noch Nina Hagens "Naturträne" zu berlinern begann - da war det als hätte ick ihr hinter die Ecke uff'n Stuhl sitzen seh'n.

Alles funktionierte. Wir kauften und gingen damit ein gewisses Risiko ein, denn daheim tut ein etwas anderes Analogsystem seinen Dienst. Die leise Angst war unbegründet: unser "PRO-JECT Debut5" -Plattenteller mit NAD-pp2i-Vorverstärker verträgt sich vorbildlich mit dem ARCAM Solo. Ebenso unsere Zweitlautsprecher im Schlafzimmer (auch Bowers & Wilkins - aber anders bestückt).

Manchmal sehen die Dinge anfangs anders aus, als sie dann wirklich sind. So ist das auch mit dem ARCAM Solo Mini.

Passt gut zum ARCAM Solo Mini: Analog-Player "Pro-Ject Debut"
Passt gut zum ARCAM Solo Mini: Analog-Player "Pro-Ject Debut"