Ein anderes Wort für WOW                              PSB Lautsprecher "IMAGINE B"

Vieles ist wichtig bei der Durchführung eines Lautsprecher-Hörtests.
Vor allem aber gilt eines: vergleiche NIE Boxen, die du zum ersten Mal hörst, mit "alten Bekannten". Es ist einfach nicht fair, ein neues Hörereignis deinen tagtäglichen Klanggewohnheiten gegenüber zu stellen.
Ich tue das trotzdem immer. Nicht etwa weil ich besonders fies bin. Vielmehr weil ich über genügend Erfahrung verfüge, um zu wissen, dass die Neuen in 96% aller Fälle erstmal den Kürzeren ziehen werden. Erstmal. Es ist nur eine Frage der Gewohnheit, besser: der Angewohnheit.
Später, nach längerem methodischen Hören, relativiert sich die Sache und es zieht automatisch Gerechtigkeit ein.
Manchmal aber und zugegebenermaßen sehr selten kommt es allerdings vor, dass die Neuen im Testfeld auf Anhieb besser klingen als das gewohnte Equipment. Die Chance auf ein solches "WOW!" ist es mir wert, die anfangs genannte Regel zu brechen.

Der Test, um den es hier gehen soll, nahm eine interessante Entwicklung. Mein Konzept - eigentlich war es eher ein Experiment - folgte einem bösartigen Plan:
Ich stellte ein Paar Regalboxen der 1.000,- Euro-Preisklasse (pro Paar) meinen doppelt so teuren Bowers & Wilkins Standboxen gegenüber.
Die Testobjekte kommen aus Canada, heißen mit Vornamen PSB und führen als Titel die Bezeichnung "Imagine B".

PSB steht übrigens für die Initialen der Unternehmensgründer  Paul & Sue Barton. Paul ist gelernter Musiker und spielt seit dem 7. Lebensjahr Violine. Als er Neun wurde begann sein Vater, der eigentlich im Stahlgeschäft tätig war, ihm ein eigenes Instrument zu bauen.
Der Senior nahm sich keine geringere Instrumentenlinie zum Vorbild als Stradivari - studierte ein Jahr lang Instrumentenbau, fertigte sich eigene Werkzeuge an, besorgte ein herrliches Stück Holz und begann sein Projekt.

Paul Barton
Paul Barton

 Mit 11 Jahren hielt Sohn Paul endlich das fertige Streichinstrument in den Händen und spielte darauf zum ersten Mal vor Publikum. Der Auftritt fand im Rahmen des lokalen Musikfestivals statt und endete mit der höchsten Auszeichnung, die bis dahin jemals in diesem Wettbewerb vergeben wurde.

Paul Bartons grundsätzliches Interesse für Musik weitete sich in Richtung Aufnahme- und Wiedergabetechnik sowie Production aus. Er ist Zeitzeuge in Sachen Entwicklung der Lautsprechertechnik, die in wesentlichen Teilen (auch) von ihm mitgeprägt wurde.
Stets ging- und geht Barton dieses Thema wissenschaftlich an - sowohl physikalisch (auf seine Lautsprecherboxen bezogen) als auch psychologisch im Hinblick auf die menschlichen Hörgewohnheiten.
Aus 30 Jahren Forschung und Ingenieurtum besteht solide das Fundament, auf dem PSB-Lautsprecher entstehen. Immer mit der Maxime verbunden, in einem preiswerten Marktsegment zu bleiben. Ein ehrgeiziges Ziel - ob es mit den hier getesteten PSB "Imagine B Bookshelf" erreicht wurde will ich nun herausfinden.

Die hochwertig gefertigten Anschlüsse der PSB-Boxen werden in unserem Test-Vergleich selbstverständlich über dieselben "Sound-Pipelines" (handkonfektionierte Kabel mit vergoldeten Bananensteckern) angesteuert wie meine Bowers & Wilkins - auch die Kabellängen sind in meinem Test natürlich identisch.

Hochwertig: PSB-Lautsprecherboxen mit vergoldeten Anschlüssen
Hochwertig: PSB-Lautsprecherboxen mit vergoldeten Anschlüssen

Schon als ich die "Imagine B" aus ihrem Papp- und Styropurkorsett befreie wird deutlich: hier wurde nicht mal eben ein Gehäuse mit ein paar Löchern drin fabriziert. Das Design ist atemberaubend frisch mit seinen mutigen, aber doch Symmetrie ausstrahlenden Kurven und Bögen.
Die Boxen strahlen eine hohe Wertanmutung aus und sind - im allerpositivsten Sinne - eine designerische Gratwanderung zwischen Klassik und Moderne. Der ovale Grundriss gibt die kantenlose Gesamtlinie vor, ohne ins Überfuturistische abzugleiten.

 

Hochfeines Lackfinish unterstreicht die durchweg edle Ausstrahlung - mich als Kleinigkeitenfreak stört (wenn überhaupt) das dreistrebige Plastik-Gitterchen über der Hochtonmembran. Dieses scheint allerdings durchaus sinnvoll zu sein - unsere Testmuster wurden mit einem unschönen Knick im Hochtöner geliefert.

Optisch sind die PSB "Imagine B" eine Augenweide - nun müssen sie ihre Klangkompetenz beweisen: wie schon eingangs erwähnt ließ ich sie zunächst mal gegen meine großen Bowers & Wilkins antreten; dies allerdings nicht als Bestandteil des Hörtestes, sondern sozusagen um "die Messlatte zu kallibrieren".

Dann stellte ich eine Auswahl meiner Vinyl- und CD-Sammlung zusammen. Quer durch den Gemüsegarten von Phil Collins über Wynton Marsal, Beatles, Sonny Terry & Brownie McGhee, Georg Ringsgwandel, Elvis Presley, Louis Armstrong - und schließlich als Königsdisziplin Klassik von Bach, Mozart, Torelli und Purcell.

Um die wesentlichen Kritikpunkte gleich vorwegzunehmen - den stylishen Regalboxen fehlt es deutlich an Tiefe (womit nicht das Bassverhalten an sich gemeint ist). Dies allein auf die Tatsache zu schieben, dass es eben Regalboxen sind, taugt als Begründung nur bedingt - ich habe andere Lautsprecher mit ähnlich dimensioniertem Gehäuse, die es besser können.

Auch veranlasst mich das Auflösungsvermögen der "Imagine B" zu ein wenig Kritik. Die Instrumente werden nicht optimal im Klangraum verteilt, sondern bilden etwas zu sehr eine homogene Musikmasse. Natürlich spielt dabei auch immer die Art und Weise der Plattenproduktion - insbesondere das finale Abmischen - eine Rolle. Wenn der Produzent es bevorzugt, dass alle Instrumente "gleichberechtigt" auf demselben Level agieren, dann entsteht schnell der Eindruck einer glattgebügelten Klang-Uniform.
Um in diesem Zusammenhang den PSB "Imagine B" nicht unrecht zu tun wechsele ich von Phil Collins zu Elvis Presley, dessen Band man trotz großartiger Ensemblefähigkeit normalerweise deutlich anhört, dass sie aus einzelnen Instrumenten besteht.
Und siehe da: die Wiedergabe ist lebendig und perlt nur so aus den Speakern. Die Instrumente finden ihren Platz im Raum und grenzen sich in ausreichend gut voneinander ab, ohne dass die Band aber auseinanderbröselt.

Glaubte ich, den PSBs vorher noch anhören können, dass sie nicht in der höchsten Preisklasse angesiedelt sind, klingen sie plötzlich sogar teurer als sie wirklich sind. "Love me tender" versprüht den Charme einer originalen Radioaufnahme aus den Fifties - nur eben auf heutigem Soundlevel. Schön. 

Auf einmal habe ich eine Idee. Eine meiner Platten ist bei mir seit ihrem letzten Einsatz in den "wilden Achtzigern" ziemlich ins Hintertreffen geraten - war quasi "out". Jetzt aber kann ich Hermann van Veen und seine Violine gut brauchen. Das Geigenspiel van Veens klingt je nach Qualität der Wiedergabekette nämlich entweder schauderhaft ... oder schauderhaft schön. Ich stelle fest: heute trifft letzteres zu, was ich durchaus als Qualitätsbeweis zugunsten meiner Testkandidaten werten darf.
Immer mehr wird mir bewusst, dass meine zu Anfang dieses Berichtes erwähnte kleine Gemeinheit - nämlich die PSB "Imagine B" gegen die immerhin mehr als doppelt so teuren Bowers & Wilkins in den Ring zu schicken - überhaupt kein Problem  für die Regalzwerge ist. Okay, sie spielen in einer anderen Liga. Aber das macht sie nicht schlechter. Nur eben anders. Punkt.

Auf geht's ins große Finale. Bühne frei für Maurice André und das Te Deum-Präludium von Marc-Antoine Charpentier (bekannt als die sogenannte Eurovisionsfanfare) - das Stück kann bei angemessener Lautstärke ordentlich Pathos und Glanz in der Wiedergabe vertragen. Ob die im optischen Sinne etwas schmalbrüstig wirkenden PSB "Imagine B" das transportieren können?

Ja - können sie. Es glänzt und schmettert und paukt, um dann ins besinnlich-fröhlich Gestrichene zu wechseln.
Auch jetzt klingen meine Testkandidaten nicht überpompös, schon gar nicht fett oder schwülstig.

Wie fällt mein Test - Fazit aus?
Wer seine Musik gern aus vordergründig agierenden Kraftprotzen hört ist bei den PSB "Imagine B" eher falsch. Die PSBs servieren ihren Klang dezent und mit der würdigen  Zurückhaltung einer feinsinnigen Adelsbraut. Akustische Kraftmeierei oder gar Karnevalsgetöse liegt ihnen fern. Löscht man aber das große Licht und zündet ein paar Kerzen an, füttert sie mit guter Musik  und stellt sie nicht allzuweit auseinander auf - dann fühlen sie sich wohl und übertragen dieses Wohlbefinden Eins zu Eins auf den Hörer.

 

 

Bilder: psb Speakers und Michael F. Koch