Scharf, berühmt und ziemlich edel:                                    Die Laguiole-Messer

Bild: Michael F. Koch
Bild: Michael F. Koch

Es gibt Werkzeuge, die sind einfach zu cool um schlicht "Werkzeug" genannt zu werden. Unter diesen Werkzeugen gibt es Messer, die sind schlichtweg zu legendär, um einfach nur als "Messer" bezeichnet zu werden.

 Die Rede ist von den weltberühmten Schneidwerkzeugen aus der französischen Gemeinde Laguiole (Département Aveyron - Region Midi- Pyrénées) - Wohnsitz von etwa 1300 Einwohnern.

Hier werden die handgefertigten Laguiole-Messer hergestellt, die z.B. Winzer oder Käsemacher seit Generationen zu ihrer täglichen Arbeit nutzen. Man erkennt sie an dem besonderen Schwung ihrer Klinge.

Die französische Stadt Laguiole - Herkunft der weltberühmten Messer (Bild: Wikimedia Commons)
Die französische Stadt Laguiole - Herkunft der weltberühmten Messer (Bild: Wikimedia Commons)

Wie viele Gegenstände, die ursprünglich entsprechend ihrem Nutzwert konzipiert wurden, trat auch das Laguiole-Messer irgendwann eine weltweite Karriere als teures Statussymbol an.

Die Besitzer rekrutieren sich heutzutage zunehmend aus den Reihen modebewusster Städter.

Um die Marke "Laguiole" ist mittlerweile - nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen - ein Streit von juristischer Relevanz entbrannt, der an Absurdität kaum zu überbieten ist:

Ein findiger Händler aus dem Großraum Paris witterte das "Big Business" und hatte sich 1993 den Namen des Dorfes als Marke schützen lassen.

Nun vertreibt er (formaljuristisch legal) billige Schneidwerkzeuge unter dem Namen Laguiole, die er u.a. in China und Pakistan nach dem französischen Designvorbild fertigen lässt.

Für die Ansässigen in der kleinen namensgebenden Ortschaft ist das ein Affront - die berühmten Klingen sind für sie ein Wirtschaftsfaktor, an dem praktisch ihr gesamtes Auskommen hängt. Die Messer sind der ganze Stolz von Laguiole.

Deshalb führen die Bürger der Gemeinde einen ebenso erbitterten wie aussichtslosen Kampf um ihre Rechte als Urheber. Der Prozess hat sich schon bis vor ein Pariser Berufungsgericht ausgeweitet. Aber auch dort konnten sich die handwerklichen Urheber nicht durchsetzen.

Im Gegenteil - der Pariser Richter verdonnerte die Dorfbewohner dazu, dem Händler seine Prozesskosten in Höhe von 100.000 Euro zu ersetzen.

Die Absurdität der Situation liegt auf der Hand: Will fortan einer der in Laguiole ansässiger Hersteller seine regionalen Produkte (die er mit eigenen Händen gefertigt hat) unter dem Namen Laguiole vertreiben, dann macht er sich der Fälschung eines chinesischen Produktes schuldig. Verkehrte Welt. 

Die Dorfbewohner zogen auf ihre Art Konsequenzen. Das Dorf legte seinen Namen ab; man entfernte symbolisch alle Ortsschilder. Außerdem wandte sich der Bürgermeister brieflich an Staatschef François Hollande und bat diesen in der prekären Angelegenheit um ein Treffen.

Der Wirtschaftsminister des Landes, Arnaud Montebourg, erklärte sich daraufhin solidarisch mit den Bewohnern von Laguiole und stellte ein Gesetz in Aussicht, dass zukünftig solche "bedauerlichen Situationen" verhindern soll. Zukünftig. Rückwirkend spielt das keine Rolle - den Bürgern von Laguiole ist also nicht geholfen.

Was bleibt ist die Historie und die Qualität eines echten Laguiole-Messers. Wer ein solches Messer aus sicherer Herkunft bezieht, hat fortan ein Stück Legende von Weltruhm in seiner Hosen- bzw. Handtasche.

Als ich im Verlauf meiner Arbeit als Fachjournalist quasi "en passant" ein solches Messer in die Hand bekam und von der Existenz dieser Marke erfuhr, da hat mich die Sache irgendwie gepackt. Übrigens auch ein wenig inspiriert durch meine Frau, die ein Faible für Taschenmesser hat und stets auch eines bei sich trägt.

Meine Idee, ihr ein besonderes Messer zu schenken, mündete in eine Recherche - und diese verschlug mich u.a. in das Ladenlokal eines Spezialitätenhändlers und Frankreich-Kenners. Dort schließlich erfuhr ich Näheres zum Thema Laguiole.

Zu einem weiteren Interessenschub verhalfen mir unsere Freunde Charlotte Wucherpfennig und Karsten Gärtner von "Vintage Driver". Das ist eigentlich ein onlineShop für alles rund um's Thema automobile Oldtimer, in dessen Rubrik "Als Geschenk" sich pfiffige und interessante Accessoires finden lassen. Unter anderem hochwertige Taschenmesser. Ich fand dort auch einen Laguiole-Bausatz, verbunden mit dem Hinweis:

"Das eigene Laguiole-Messer wird dann zum richtigen Schatz, wenn Sie es selbst montiert haben".

Bausatz: originales Laguiole-Messer (Bild: Michael F. Koch)
Bausatz: originales Laguiole-Messer (Bild: Michael F. Koch)

Voilà! Das geht in meine Richtung. Mich faszinieren bestimmte handwerkliche Verrichtungen.

Nun bin ich beileibe nicht das, was man einen Heimwerker nennt. Ich habe keinen Hobbykeller und auch keine elektrische Eisenbahn. Aber ich restauriere klassische mechanische Armbanduhren, vintage Gitarren, Photoapparate, auch schon mal ein Grammophon aus den Anfängen der musikalischen Aufnahmetechnik.

Das Restaurieren, dessen essenzieller Bestandteil ja das Auseinandernehmen und wieder richtig Zusammensetzen ist, übt auf mich eine Art meditative Wirkung aus - als Gegenpol zu Alltagsstress und Hektik. Trotzdem wird man mich nicht mit einem Flugzeug-Modellbaukasten herumwerkeln sehen.

Aber ein legendäres französisches Taschenmesser selbst montieren? Das hat was.

Ich bestelle online und erlebe eine wahre Blitzlieferung: schon am nächsten Tag kommt der Bausatz an.

Der alternative Weg zum individuellen Messer: Laguiole-Messer als Bausatz (Bild: Michael F. Koch)
Der alternative Weg zum individuellen Messer: Laguiole-Messer als Bausatz (Bild: Michael F. Koch)

Als ich das flache, in edlem Schwarz gehaltene Kästchen öffne kommen ein Beutelchen mit goldfarbenen Schrauben sowie vier Metall- und zwei Holzteile zum Vorschein. Alles elegant eingepasst in ein Futteral aus verdichtetem Gummischaum. Das sieht überschaubar aus, denke ich. Die Montage sollte sich nicht allzu schwierig gestalten ...

45 Minuten später weiß ich: ganz so einfach geht es nun doch nicht. Man müsste am besten vier Hände haben, denn irgendwann gelangt man zu jenem Punkt, an dem eine ziemlich widerspenstige Feder an beiden (115 Millimeter entfernten) Enden gleichzeitig gehalten werden muss, um sie mit je einem Stift an jeder Seite zu fixieren.

Die Stifte wollen sich leider nur mit großem Kraftaufwand (eigentlich überhaupt nicht) in die vorgesehenen Löcher zwingen lassen.

Nach mehreren sinnlosen Versuchen, diversen Druckstellen an meinen Fingern und etlichen Serien unflätiger Flüche gebe ich auf. In meiner Werkstatt fertige ich mir selbst passende Stifte an, bringe sie schließlich in ihre Position und verniete sie zur Sicherheit an beiden Enden. Das ist laut der spärlich gestalteten Anleitung nicht vorgesehen - empfiehlt sich aber dringend, um den zusammengefügten Messerteilen einen dauerhaft-stabilen Halt zu geben.

Nun brauche ich eigentlich nur noch die beiden hölzernen Griffstücke (die übrigens sehr schön gemasert sind) mittels der beiliegenden Messingschräubchen zu fixieren. Eigentlich.

Besagte Schrauben sind allerdings durchweg deutlich zu lang, weshalb sie rechts und links einige Millimeter aus dem Griff herausragen. Tiefer eindrehen geht nicht, denn ihre Spitzen stoßen innen auf die eingeklappte Klinge.

Also kürze ich die Schrauben mithilfe eines Mini-Trennschleifers und probiere es erneut. Erst jetzt stelle ich fest, dass diese reinen Holzschrauben nirgenwo Halt finden können als eben in dem Holz, das sie eigentlich fixieren sollen. Wer hat sich dabei eigentlich was genau gedacht?

Ich löse das Problem einfach mit Montagekleber, denn ich werde das Messer sowieso nie wieder demontieren wollen. Die hübschen Schräubchen degradiere ich kurzerhand zur reinen Schmuckfunktion.
Geschafft. Bis hierher war das Ganze eine ziemliche Herausforderung. Aber jetzt passiert etwas, von dem ich glaube dass es zum Sinn der Aktion gehört:

In mir breitet sich ein wohliges Gefühl von Stolz aus. Augenblicklich beginne ich dieses Messer zu lieben. Jawohl - ich liebe dieses Messer.

Vom Autor selbst montiert: originales Laguiole-Messer als Bausatz (Photo: Michael F. Koch)
Vom Autor selbst montiert: originales Laguiole-Messer als Bausatz (Photo: Michael F. Koch)