Mit STROM gegen den STROM

Es fühlt sich gut an. Ein wenig so wie Segelfliegen. Wir schweben dahin, kein Motoren-geräusch spielt sich in den Vordergrund. Nur die Luft lässt uns hören dass es sie gibt. Fahrtwind. Dazu das sanfte Abrollen der Reifen. Beim Abbiegen ein zurückhaltendes Klick-Klick des Blinkers. Sonst fast nichts.

Die Straße - eine milde Serpentine - geleitet uns durch den Sommerabend. Es geht über Land, vorbei an Schafen, Ziegen und Kühen. Ohne schlechtes Gewissen. Aus unserem Endrohr strömen keine Schadstoffe. Das Testfahrzeug hat überhaupt keinen Auspuff.

Der PEUGEOT "iOn" fährt elektrisch.

Dass ich freiwillig am Steuer dieses Autos sitze (und dabei sogar eine Menge Spaß habe) ist keine Selbstverständlichkeit. Bei mir hat es lange gedauert, ehe es "klick" machte. Ein gewisses Maß an Sturheit war da mit im Spiel, das gebe ich zu. Und die Macht der Gewohnheit - bekanntlich kann die ja ein störrischer Gegner des Fortschritts sein. Manchmal merkt man eben erst spät, auf was für ausgefahrenen Gleisen man im Leben unterwegs ist.

Lange Zeit war ich als jemand bekannt, den man im Englischen wohl als "Petrolhead" bezeichnen würde. Ein Autofreak, dem es nicht schnell- und nicht laut genug zugehen kann. Benzinverbrauch? Schnuppe! Umweltschutz? Mein Auto fährt auch ohne Wald. Motorenlärm? Für mich eine Art Musik.

So war ich drauf. Geprägt hatten mich in dieser Hinsicht nicht zuletzt die mehr als zwei Jahrzehnte, in denen ich als Manager und Presse-Referent eines international renommierten Rennteams tätig war. In einer Zeit, als in Motorsportkreisen der Begriff "Umweltschutz" noch wie ein Wort aus dem Klingonischen klang.

Meine berufliche Tätigkeit war also über längere Zeiträume eng mit dem professionellen Motorsport-Umfeld verknüpft, und auch in meinem Freundeskreis fanden sich etliche Profi-Rennfahrer. Das klebt an einem wie Altöl am Mechaniker-Overall.

Lange Zeit mein beruflicher Alltag: Motorsport-Reportagen (alle Photos: INTERNATIONALER  PRESSEDIENST  Koch)
Lange Zeit mein beruflicher Alltag: Motorsport-Reportagen (alle Photos: INTERNATIONALER PRESSEDIENST Koch)

Landluft und High Tech

Irgendwann allerdings begann sich mein Realitätssinn an echten Prioritäten zu orientieren. Der Zusammenhang zwischen unseren globalen Umwelt-Problemen und herkömmlicher Automobiltechnik beruht auf nachvollziehbaren Tatsachen und lässt sich nicht mehr verleugnen. Ignoranz ist der falsche Weg - wenn wir nicht aktiv nach Mobilitäts-Alternativen suchen werden wir schon in absehbarer Zeit keine Welt mehr haben, in der wir mit unseren Autos herumfahren können.

In mir erwachte ein reges Interesse für E-Mobilität. Es begann auf zwei Rädern: Ein Sponsor unseres internationalen Rennteams stellte uns als Fahrerlager-Bikes pfiffige Elektro-Roller zur Verfügung. Damit waren wir lautlos und flink in den Boxengassen unterwegs, um etwa unsere Wege zum Rennbüro, zum Pressezentrum oder zum Parc fermé zu erledigen. Das ist etliche Jahre her, aber irgendwie muss es schon damals in mir gefunkt haben.

Mein neuestes elektromobiles Schlüsselerlebnis liegt nicht allzu lange zurück und fand diesmal auf vier Rädern statt. Die Story begann wie viele Geschichten beginnen:

Ich kenne jemanden der ... In diesem Falle ist unser Freund Alexander gemeint - der ist ein echter "Geht nicht gibt's nicht"-Typ. Wer fliegt mal eben die Kamera-Drohne für professionelle Luftaufnahmen? Auf wen verlassen wir uns in Sachen Logistik beim Umzug der Agentur in die neuen Büroräume? Wer bringt die durchgesessenen Designersessel unseres Konferenz-raumes wieder in Form? Universal-Genie Alexander erledigt jeden Job zuverlässig und mit allergrößter Sachkenntnis. Ach ja - wen sehe ich neulich nach Feierabend beim Rasenmähen am örtlichen Kindergarten? (freiwillig, versteht sich) Raten Sie mal.

Im betrieblichem Fuhrpark seines Dienstleistungs-Unternehmens  hat Alexander u.a. ein Nutzfahrzeug NISSAN-E-NV200 im Einsatz. Es wird lektrisch angetrieben. Wir wollen den japanischen "Stromer" für einen Testbericht unter die Lupe nehmen. Heute wird es zur ersten Testfahrt kommen - den ausführlichen Report bringen wir dann in Kürze hier. (Am Rande schonmal eine statistische Information zu NISSAN: Der japanische Automobilkonzern rangiert mit 101,5 Mrd. Dollar Umsatz auf Rang 9 der weltweit umsatzstärksten Autohersteller. Quelle: Global 500 - US-Wirtschaftsmagazin Fortune).

Ehrensache, dass wir zum Einsatzort dieses Reports mit einem Elektro-Auto anreisen, und zwar im PEUGEOT "iOn", der einer unserer aktuellen Testkandidaten ist. Mit ihm sind wir zügig unterwegs, das Auto strahlt Kompetenz und Zuverlässigkeit aus. Vor ihm liegt jetzt allerdings eine typische Bewährungsprobe des Alltags. Unterwegs muss schnell noch der Einkauf erledigt werden. Es geht ins Wochenende, bedeutet: einiges ranschaffen. Getränke stehen mit auf der Liste. Es ist Hochsommer, und wir bräuchten einige Kästen Wasser - sind aber in einem Auto der Kategorie "Kleinstwagen" unterwegs. Das Längenmaß des PEUGEOT "iOn" deutet mit 3,47 m nicht gerade auf ein Kofferraum-Wunder hin (Breite: 1,79 m incl.Spiegel - 1,47 ohne). Zudem sitzt die komplette Antriebseinheit unterm Kofferraumboden, was die Höhe des rückwärtigen Stauraums auf knapp Einssechzig minimiert. Summa summarum kommen 150 Liter Fassungsvermögen zustande, das fällt selbst für diese Klasse eher knapp aus.

Für unseren Getränketransport besteht freilich nicht wirklich Anlass zur Sorge - wir könnten zur Not die Rückbank vorklappen und hätten damit bis zur Fensterunterkante immerhin 405 Liter Ladevolumen generiert. Dann wären wir allerdings im Zweisitzer unterwegs. 

Einkauf erledigt, es kann weiter gehen mit dem Report.

Fahrzeug-Entwickler Alexander lebt und arbeitet knapp zwölf Kilometer von uns entfernt auf dem Land, genauer: auf der Schwäbischen Alb. Das hört sich gemütlich an und ist es auch irgendwie.

Zwischen unserem Redaktionsbüro und dem Ziel der Reportage liegt also keine allzu weite Distanz, dafür bekommen wir es mit 131 Meter Höhenunterschied zu tun. Auch dies ist im Grunde keine wirkliche Hürde, aber der Hauptteil davon muss auf einem Streckenabschnitt mit bis zu 19% Steigung bewältigt werden. Was uns dann doch einen gewissen Respekt einflößt. Nicht aber dem zierlichen Elektro-PEUGEOT. Der zieht hinauf ohne auch nur  einen Funken seiner Vortriebslust zu verlieren. Dynamik satt. Kein Getriebe muss dabei nach dem passenden Gang suchen. Keine Kupplung kann überhitzen. Wir sind begeistert.

Oben angekommen wird es neben der Straße ländlich. Weiden in saftigem Grün, von denen uns Kühe freundlich anschauen, so als wollten sie sagen: Dankeschön für keine Abgase und für keinen Lärm.

Ankunft. Hinterm Eingangsschild führt die Durchgangsstraße über zwei, drei Kurven, und schon ist man am anderen Ende der Ortschaft. Vorbei am Anwesen von Alexanders Familie. Wer es nicht kennt verpasst es leicht, denn von der Straße aus ist nicht viel davon zu sehen. Eben ein historisches Wohnhaus wie viele hier. Die ländliche Architektur strahlt Gemütlichkeit aus. Durch die Einfahrt gelangt man über den Hof zu einer urigen Scheune und erfährt, dass es hier auch einen Reiterhof gibt. Alles typisch Dorf.

Nein! Eben nicht. Es gibt zwar Pferde, Hunde und Katzen. Zur Zeit ist sogar ein Buntspechtpärchen zu Gast und bereitet sich auf Nachwuchs vor. Etwas nach hinten versetzt die große, alte Scheune, unter deren Dach ganze Geschwader von Schwalben ihre virtuosen Flugschauen veranstalten.

Man tritt durch die wuchtigen Torflügel aus uraltem Holz ins Innere und sieht sich mit einem Kontrastprogramm konfrontiert:

Zwischen zwei stämmigen Fachwerkbalken ein Edelstahlrahmen mit Monitor-Display, darunter ist ein komplettes Lade-Terminal für Elektrofahrzeuge installiert.

Perfekt - für die Dauer unseres Termins darf der PEUGEOT "iOn" hier den Hunger seiner Energiezellen mit leckerem Solarstrom befriedigen.

Weiter hinten gelangen wir in den Workshop, der offensichtlich für innovativen Fahrzeugbau konzipiert ist. Auch hier trifft Farmflair auf Hightech. Stroh, Zaumzeug und Pferdesättel in friedlicher Eintracht mit innovativer Think-Tank-Atmosphäre. Profi-Equipment, Schaltkästen, Spezialwerkzeuge und etliche elektronische Bauteile. Im Zentrum des Geschehens wird gerade das Chassis eines Fahrzeuges verkabelt. Es wartet auf die "Hochzeit" mit dem elektrischen Antrieb.

Wir sind beeindruckt - erleben wir doch so etwas wie das Heute an der Schnittstelle zum Morgen. Hier forscht Alexander Pfriem an alternativen Antrieben, designt Elektro-Fahrzeuge, fertigt Prototypen. Und ich denke im Stillen:

So ähnlich mag es zugangen sein in den Garagen von Steve Jobs, Bill Gates oder Larry Page, damals in Palo Alto/Kalifornien, als alles begann. Visionär, progressiv, und effektiv. Das und das sind unsere Ziele, lasst uns die Wege finden.

Ideenreichtum muss knappe Finanzen ausgleichen

Ideen zu entwickeln ist eine Sache - sie praktisch umzusetzen eine andere. "Man darf nicht allzu lange verharren über der Frage nach dem Wie?" erfahren wir, "sonst fängt man so ein Projekt nie an".

Klar, die Finanzlage war zum Start nicht wirklich entspannt -  sie ist es immer noch nicht. Alles muss erstmal aus eigenen Taschen finanziert werden, und auch wenn Elektromobile zwar keinen Sprit schlucken: ihre Entwicklung schluckt Geld. Viel Geld. Vor allem, wenn die eigenen Vorgaben von dem Anspruch bestimmt sind, das Konzept ganzheitlich anzugehen.

Konstrukteur Pfriem will den Strom für seine Produktionsmittel und Maschinen sowie für die Akkus der Testfahrzeuge möglichst vollständig aus alternativen Quellen generieren. Dafür die nötige Infrastruktur zu schaffen ist teuer, aber das Budget von Alexander ist eher bodennah. Es bietet keinen Freiraum für abgehobene Luxusideen. Oft gehört Improvisationsvermögen zum Alltagsgeschäft.

Folglich wird manches Teil für die Prototypen noch aus der Elektronik-Abteilung des nahen Baumarktes beschafft. Auch dabei sind Parallelen zum aufkommenden Entwicklergeist im Silicon Valley der Siebziger Jahre erkennbar. Die Optik der ersten Computer von dort hatte viel von selbstgebastelten Radiogeräten - die Gehäuse ähnelten eher Zigarrenkisten als High-Tech-Komponenten.

Prototyp des ersten Apple-PC
Prototyp des ersten Apple-PC

Zwischengedanken

Ich erlaube mir einen kurzen geistigen Schwenk. Es kommt mir irgendwie so vor, als fände es die Menschheit (wir Menschen also) unglaublich schwierig, zeitnah Initiativen umzusetzen, die unsere Erde genau jetzt dringend nötig hätte, um ihren Fortbestand zu sichern. Wir nehmen beinahe tatenlos zur Kenntnis, wie die Umwelt vor unseren Augen zu kollabieren beginnt, und zwar nicht etwa nur als theoretisches Phänomen, nein: das passiert real und in Echtzeit.

Sind wir uns tatsächlich bewusst, dass schon heute Tausende von Menschen schwer erkranken (und auch sterben), weil die Außenluft mit Stickstoffdioxid belastet ist? Das tatsächliche Ausmaß wird nicht immer erkannt. 2014 waren acht Prozent der Diabetes-mellitus-Erkrankungen auf Stickstoffoxid in der Luft zurückzuführen. Das entspricht etwa 437.000 Krankheitsfällen. 14 Prozent der Asthma-Erkrankungen (ca. 439.000 Fälle) sind auf NO2 zurückzuführen. Qelle: Umweltbundesamt 

Eigentlich sollte es uns allen längst klar sein: die Atemluft ist unser wichtigstes Lebensmittel. Warum vergiften wir sie dann mit gefährlichen Schadstoffen aus den Verbrennungsmotoren unserer Autos?

Stickstoffoxide (starke Atemgifte), Kohlenstoffmonoxid (kann zwar durch wirksame Katalysatoren wirksam eingedämmt werden, ist aber immer noch relevant), Kohlenstoffdioxid (verstärkt den Treibhaus-Effekt), Schwefeldioxid, feste Partikel wie etwa Feinstaub (kann schwere Schäden bis hin zu Krebs verursachen) - um hier nur einige zu nennen - sind Komponenten, die uns das Leben, genauer gesagt: das Überleben schwer machen.

Das ist mittlerweile unbestreitbares Faktenwissen. Aber ist uns wirklich in aller Konsequenz klar, dass dies auch der Preis ist, den wir bezahlen müssen für unser stures Festhalten am Konzept Verbrennungsmotor? 

 

to be continued ... soon